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Zäh floß die Zeit der Siebziger. Angeblich hatte der lange Marsch durch die Institution begonnen. Die Anträge auf Veränderung der Gesellschaft lagen jetzt auf dem Schreibtischen der Beamten, und denen fiel es schwer sich in den Gedanken hineinzudenken, daß es einen Veränderungsbedarf gab, der weiter reichte als die Verbesserung der Aufstiegschancen in der Beamtenlaufbahn. Kein Problem hatten sie dagegen, schnell und zügig die unverbrüchliche Treue eines Beamten zum Staat schärfer und nachdrücklicher gesetzlich zu verankern. Ein Staatsdiener ob an der Schule oder bei der städtischen Müllabfuhr hatte bei einer politischen Gruppierung links von der SPD nichts mehr zu suchen. Er bekam - so hieß das nun: " Berufsverbot Nein, vaterlandslose Gesellen waren diese Sozialdemokraten nicht. Und auch keine Arbeiterverräter, Gewerkschaftsführer saßen bei ihnen auf Ministersesseln. "Mehr Demokratie" hatte Bundeskanzler Willi Brandt versprochen.
Das sich das Land in diesen Jahren tatsächlich etwas verändert hatte, merkte man erst als diese humorlose Regierung ihre Mehrheit im Bundestag wieder verloren hatte: Die Zivilcourage in diesem Land hatte erheblich zugenommen. Bürger, auch wenn sie Familienväter waren mit Krawatte, hängten sich ein Protestschild um. Arbeiter die nichts lieber taten als ihren Wagen waschen, gingen zur Demo auch wenn die Gewerkschaft damit nicht einverstanden war. Bauern sahen ihre Scholle als Teil der ganzen Erde, die nicht vor die Hunde gehen durfte. Im badischen Wyhl, im Frankfurter Westend, an der Startbahn West, in Gorleben und Brokdorf, beim Wegsanieren der Bergmannshäuser im Ruhrpott. Überall traten Menschen in Aktion, feierten Bürger ihre Courage, machten es wie die Hausbesetzer in Kreuzberg. Sie ließen sich nicht einschüchtern, wenn windige Experten, und sture Beamten ihnen ein X für ein U vormachen wollten. Und rollten dann die Wasserwerfer an, und hatte man noch keinen Friesennerz, na bitte, dann wurde man eben naß. Der Supergau, die Sintflut und das atomare Amargedon waren schlimmer.
Auch das Stadtteilfest auf dem Mariannenplatz mit Flohmarkt und ausländischen Spezialitäten wurde in diesen Jahren überall Mode in der Bundesrepublik. Kreuzberg war jetzt überall, wo Bürger sich in Initiativen organisierten. Von den Scherben kam die Musik.

Freie Republik

Obwohl die nicht mehr in Kreuzberg lebten sondern auf den Landwehrkanal schauten, wenn sie mal aus dem Fenster sahen, doch meistens war es dunkel draußen. Hier am T-Ufer, wie sich die Adresse nannte, war die Nacht der Tag auch wenn die Sonne schien. Die Fenster waren zugehängt, die Wände mit Eierkartons gepflastert, etwas Rücksicht auf die Nachbarn mußte sein. Auch, wenn denen das nicht reichte. Sie brauchten die Polizei nicht zu holen, die kam regelmäßig von ganz allein. Wenn sie nach rächenden Todesengeln suchten, schauten sie zuerst am T-Ufer vorbei. Was sie fanden war ein Haus voller Menschen, wovon die lebten sich ernährten? warten wir´s ab.
Heute back, morgen brau ich
und übermorgen ?
Fliegt vielleicht - wer weiß wer weiß? -ein Dutzend tiefgefrorener Enten zu ins Haus. Geld für die Miete kam von den Platten oder es kam auch nicht, war immer einer unterwegs mit Platten unterm Arm, der sie verkaufen wollte, kam aber manchmal nicht mehr zurück, die Platten auch nicht.
Das T- Ufer erhob den Anspruch einer Freien Republik, und wer im Rauchhaus rausflog, der wußte am T-Ufer konnte man pennen, auch wenn man sich dort nur unnütz machte. "Wem´s in der Küche zu heiß wird soll sie verlassen." Die Wohnung war ein Schwitzkasten, auch wenn die Scherben zwei Etagen bewohnten in diesem Haus. Es war ein Kommen und Gehen wie im Bahnhofswartesaal. Nur nachts kehrte manchmal Ruhe ein, nicht für die Nachbarn, denn dann machten die Scherben und alles was meinte dazu zu zählen, Musik. Manager war jetzt Nikel, die Mama mit Bart, der einzige der schon morgens emsig telefonierte. Nikel trieb dann auch das Haus auf, das Bauernhaus auf dem Lande, weit weg von Westberlin und nah beim Meer und nahe bei den Dänen.
Der T- Ufer Troß zog nach Fresenhagen, so hieß das reparaturbedürftige Bauernhaus um dort die Freie Republik Fresenhagen zu gründen.

Fortsetzung