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Vier Jahre waren seit dem 2. Juni 1967 vergangen. Einige der Struwwelpeterkinder waren inzwischen erwachsen und spielten den Nikolaus, nicht nur beim Studentenwerk, um etwas Kohle zu verdienen, nein sie arbeiteten auch sonst als Volkserzieher mit Marxbart und erhobenem Zeigefinger. In ihr großes Tintenfaß kamen nicht nur Rassisten wie dieser Kaspar, Wilhelm, Ludewich, sondern auch alle, die von der Parteilinie abwichen. Andere, wie der Rechtsanwalt Mahler, die Journalistin, Ulrike Meinhof , oder der erschossene Georg von Rauch hatten wohl noch einmal die Geschichte vom kleinen Hasen aufmerksam gelesen, aber wahrscheinlich waren es die Schriften von Lenin, Che Guverra über den bewaffneten Kampf.
"Viva Maria!"
Sie tauchten unter, verpuppten sich, und schlüpften aus der Larve, als die Zeit gekommen war, als rächende Todesengel der RAF durch die Republik zu flattern. Andere warteten bereits mit aufgespanntem Schirm auf Wind und Wetter, sie wollten weg aus dieser Frontstadt, nein nicht zurück nach Kleinhesterbach, dorthin, wo die Menschen keine Deutschen und keine Amerikaner waren, wollten sie. Wo kein Fernsehen lief auf dem sich Bombenteppiche ausbreiteten, die kein Waschmittel mehr sauber kriegte, auch wenn es General hieß und hoch und heilig versprach den Grauschleier wegzureißen. Weg hier ! - wo das Ketchup auf der Currywurst nicht mehr schmeckte, weil es aussah wie das Blut der Fernsehleichen.
Schafe züchten in der Provence, ein umgebauter Ziegenstall in der Toscana, dorthin wollten sie, die Roberts und Robetas und niemand sollte wissen, wohin sie der Wind getragen hat. Nicht einmal ihre Kinder die sie dort erst zeugen und gebären wollten, sollten sich noch darin erinnern müssen, daß ihre Eltern aus einem Deutschland stammten in dem der Tod ein Meister war.

Die blaue Blume

Eigentlich waren auch die Scherben reif , wieder mal Landluft zu schnuppern und Gras als Wiese und nicht nur als Tabak zu genießen. Aber für alle die Heranwachsenden und Aufgewachten, die Geduckten und Eingemachten im Osten, Westen, Norden oder Süden, die sich an den Liedern und Taten der Scherben orientierten, war diese Band eine Adresse. Der einzige Kompaß, der nicht zum Eisberg zeigte, sondern dorthin wo nach alter Menschheitssage die Seele liegt: zum Herzen, Erwarb man ihre Platten, ob man sie klaute, geschenkt bekam, sie sich auf Tonband überspielte, man schloß eine Freundschaft, Freundschaft mit einem Medium. Die Platten der Scherben, blieben nicht mehr platt, wenn sie auf dem Plattenteller rotierten, sie wurden rund wie eine Wahrsagekugel und begannen zu leuchten. Sie gaben Antwort, fragte man , Rio was soll ich tun? Meine Eltern können mich nicht verstehen. Rio tröste mich, ich bin so traurig. Meine Freundin hat mich verlassen - "Reuh Blagg" hätte da auch getröstet, aber schon ein paar Rillen weiter gab die gleiche schwarze Scheibe auch Antwort auf die Frage : Warum geht es mir so dreckig?" und "wo leb´ ich?"
Nicht immer gab es Antwort von den Scherben schon gar nicht, wenn man ihnen Briefe schrieb, aber es reichte ja schon zu wissen, daß es da irgendwo jenseits der Mauer hinter den sieben Bergen, von denen der siebte Kreuzberg hieß,, mittendrin im bösen, roten Osten, mittendrin im bösen braunen Westen, noch eine Insel gab, Frontstadt, Hauptstadt, selbständige politische Einheit - blablabla - wo man sich einfach als Jugendgruppe ein Haus erobern konnte, ohne daß man wieder rausgeschmissen wurde. Wo man so leben konnte, ja leben, leben konnte, wie man wollte, frei war das zu tun, was überall verboten war.
Anton Reiser lebte noch immer 150 Jahre alt, immer noch jung, suchte er nach einem Platz in dieser Welt, wo er willkommen war. Überall litt einer oder eine, darunter, anders zu sein als die anderen. Und keiner hatte darüber gesprochen, die Freundin nicht und nicht der beste Freund, jeder tat so, man selbst war da nicht anders als die anderen, als wäre er, als wäre sie, nicht anders als die anderen, sondern ganz normal .Sie alle merkten wohl, man hatte sie verwünscht. Wie Joringel im Schloß der bösen Zauberin saßen sie in Käfigen aus Gold Zuckü, zuckü und warteten auf Jorinde, der die blaue Blume sucht und findet und sie erlöst, alle ! Da sang einer, Rio, der hatte diese Blume gefunden.

Fortsetzung