Rio Reiser offizielle Homepage des Rio Reiser Haus e.V. Fresenhagen
Rio Reiser
homemusikphotospresseinfopressespiegelbiographieverein
zeitreiselinksbestellungimpressumkontakt
Startseitewww.rioreiser.de - Zeitreise

Machte der bibelfeste Quäker jetzt einen Pakt mit dem Teufel, als er das Tütchen, das ihm Rolly mitgebracht hatte - etwas das sie "in Bonnys Ranch ann´e Varückten ausprobieren" - in Omas Sammelttasse kippte? "Das Zeuch sah aus wie Meskalin, war aber fast geschmacklos. Ich schüttete davon einen Löffel in die Tasse mit dem kalten Tee vor mir, rührte sorgfältig um und kippte es mit einem Zug runter.
" Trutz Toth, komm her, ich fürcht dich nit! Komm her und tu deinen Schnitt!" Nach einer Viertelstunde lockerten sich langsam die Fessel des Marterpfahls, an dem ich seit längerem gestanden hatte. Als ich das spürte, riß ich mich los, rannte aus dieser Blut- und Mörderhöhle hinaus und die Stiegen hinunter. Irgendwann in diesem Jahr, in Westberlin, in einer Wohnung in der Feldzeugmeisterstraße, oder in einer Kreuzberger Fabriketage, war es passiert, Rio hatte die Einladung angenommen das Reich hinter den Spiegeln und Tapeten zu betreten. Das Geisterreich, das an der Schwelle zwischen Tod und Leben liegt. Und er war von dort zurückgekehrt, ganz wie im Märchen, wenn der Jüngste von drei Brüdern die blaue Blume findet oder das Wasser des Lebens.
"Ich sah klar! Alles ist, wie´s ist und scheint. Und Sein scheint hinter den Kulissen, und Sein scheint hinter den Masken. Und manchmal durch und durch. Ich hatte keine Halluzinationen mehr." Rio ging nun barfuß durch die Stadt und er hatte einen neuen Namen. Er hieß Rio Reiser. Erst später merkte er, als er den Roman "Anton Reiser" gelesen hatte, die verkappte Autobiographie des Karl Philipp Moritz, das die hinter den Tapeten ihm diesen Namen verpaßt hatten, weil dieser Reiser, knapp 165 Jahre, bevor er Rio, geboren wurde, genauso unter der Welt gelitten hatte, sich - wie er - fehl fühlte auf diesem Planeten, und nicht an sein sehnsüchtig angestrebte Ziel gekommen war, als Künstler zu wirken und als Künstler etwas in der Welt zu gelten.
Dieser Hutmacherlehrling aus Hameln war, wie Onkel Paul, ein verkommenes Genie. Die Geisterwelt beglich eine Schuld: Sie hatte versäumt dem Anton Reiser zu verraten, wo man als Künstler stand, wo der Stand- der Mittelpunkt lag, von dem man seine Ordnung entfalten konnte, die nichts gemein hatte mit der Kehrwoche in Schwaben.
Rio Reiser wußte es nun: Er lag in seiner Mitte, zwischen Himmel und Erde. Und bis zu seinem letzen Auftritt, zwei Wochen vor seinem Tod, trug er, wenn er sang, weder einen Hut, noch Schuh und Strümpfe. Seine Mutter fand´s schrecklich, daß der Junge jahrelang nicht nur auf der Bühne, sondern auch auf der Straße barfuß ging. Er fand es schrecklich, daß seine Mutter es schrecklich fand, und daß kein Moderator auf die Frage verzichten konnte: "Rio warum läufst Du barfuß?"
Vielleicht hatten sich die Indianer für das Feuerwasser gerächt, das ihnen die Weißen brachten, Sie hatten gelernt mit den Drogen, die zu ihrer Kultur gehörten sorgsam umzugehen. Bei den Weißen, wirkten diese Drogen, wie das Feuerwasser beim Roten Mann. Wer nur die Wirklichkeit verlassen wollte, weil er nicht träumen konnte, weil ihm die Wirklichkeit nicht gefiel, was wollte der in den Geisterwelten Unheil anrichten? Seine Pein einschleppen wie die Pest? Und ohne Ahnung ohne Wissen, wie die Gouvernante im Märchen von der Unke, dort nach Schätzen suchen und wenn er sie hatte ohne sich zu bedanken wieder verschwinden? So jemanden konnte es schlecht ergehen, die Geister verfolgten ihn, bis er sich als Untoter wiederfand, in den Bonnhöfer Kliniken, auf "Bonnys Ranch".Noch einmal hatten die Operettenonkels gelockt. Der Pate vom Theater des Westens wünschte sich ein Hitler Musical. Peter Meysel, der Sohn des Operettenkomponisten Will Meysel, wollte mit Rio eine Platte produzieren. Das Produkt, so stellte sich bei den Studioaufnahmen schnell heraus sollte sich nicht nach Rio Reiser, sondern sollte sich routiniert nach Meysels Operettenschlager anhören.

Festival der Liebe

Im Herbst 1970 kam die erste Single auf den Markt sie hieß " Macht kaputt was Euch kaputt macht", alles Handarbeit sogar das Cover,
Alles Rockmusik deutsch gesungen und doch keine Operettenschlager. " Ton Steine Scherben"
Das Ding und was dann folgte, machte in Deutschland Musikgeschichte, denn so kühn und überzeugend hatte sich vorher keine Band aus Winnetous Garagen über alle Tabu- und Vermarktungsgrenzen hinweg gesetzt. wie diese Bande aus dem Berliner Stadtteil Kreuzberg:
Auf Vorschuß ins Studio gegangen, Geld zusammengepumpt um die Plattenpressung zu bezahlen, die Scheibe zwischen zwei Pappdeckel geschoben und dann unter die Leute gebracht, verteilt, verschickt, verschenkt in Kommission gegeben. Nix dazwischen, keine Firma und kein Händler. Plattenproduktion wie vom Gemüsebauer, der seine selbstangebauten Salatköpfe auf dem Wochenmarkt anbietet. Solche Geschichten kannte man - hier in Deutschland - bisher nur aus England und Amerika. Die Wilden und Ungezähmten aus der 67 Generation, hatten endlich für ihr Lebensgefühl nagelneue Lieder geschenkt bekommen. Man war nun nicht mehr allein auf Stones, Dylon, Seegers, und das Liedergut der Arbeiterbewegung angewiesen. Man bekam Musik zu hören bei der man nicht mehr neidischer Zaungast war, man hörte "Lieder", "Gassenhauer", in denen man sich wiederfand. Diese Musik schuf ein Zuhause, nicht so eines wie die Heimatschnulzen im Radio, oder die deutschen Schlager in der Musikbox.
Der harte Spot von TON STEINE SCHERBEN auf die Gegenwart, nannte alles beim Namen, Die Wut war echt, die Zärtlichkeit und auch die Trauer. Die Promotion für dieses Produkt war sicher sehr gelungen - Rios Bruder Gert hatte sie eingefädelt und sich auch sonst um die Herstellung der Platte emsig gekümmert - aber sie wäre beinahe teurer gekommen als sämtliche Schallplattenproduktionen der Scherben. Gert gab der Band den Tip, zum Festival der Liebe der Beate Uhse nach Fehman zu fahren. Warum denn dahin bitte? Weil das, das erste Openair-Konzert in Deutschland werden wollte, Woodstock auf einer Nordseeinsel.
Na und?
Ein Medienereignis, Jimmy Hendrix kommt, Sly und The Familiy Stone, The Faces, Ginger Bakers Aiforce und die roten Steine, das Westberliner Lehrlingstheater war dazu eingeladen., weil Theater Kultur war, und wo Theater geboten wurde, brauchte der Veranstalter keine Vergnügungssteuer zu bezahlen. Daß da die Scherben kommen würden, das wußte ja noch keiner. Aber kämen sie, so hätten sie ein Publikum. Immerhin waren tatsächlich mehr als 5000 Hippies mit Blumenkind und Haschischkegel, gekommen um auf dem morastigen Konzertacker zu kampieren. Beate Uhse die Fliegerin und Landesmeisterin im Speerwerfen, machte sich nach Beendigung ihrer sportlichen Karriere Sorgen ob in unserer Ehe noch alles stimmt. "Natürlich sollte es für jeden Mann wesentlich mehr bedeuten", so warb Beate US, "eine zufriedene Frau und dadurch ein friedvolles Heim sein eigen zu nennen, als eine Million im Jahr zu verdienen."
Nun die Manager dieses Festivals der Liebe auf Fehman, wollten die Million in ein paar Tagen kassieren. "Ihr Kinderlein kommet, bei Geld werd ich sinnlich", war ihre erotische Stimulation. Allerdings hatte der Berliner Operettenpate mit dieser Veranstaltung nichts zu tun. Jimmy Hendrix, auf den man zwei verregnete Tage und Nächte gewartet hatte, und der dann tatsächlich kam, sang, und rollte wieder im Rolls Royce davon. Zehn Tage später war er tot, - Jimmy war gerade abgefahren, da packten auch die Veranstalter klammheimlich ihre Sachen, ihnen reichte die Festivalskasse, und ein VW, den Rolls Royce konnten sie sich, wenn sie wollten, auf den Bahamas anschaffen.
Die Scherben traten auf und überbrachten dem erkälteten Publikum die Nachricht, daß die Veranstalter mit der Kasse verschwunden waren und spielten danach ihr Lied: Nach dem Gesetz der Wikinger, hier im hohen Norden, hätte man die Veranstalter in die Rahen gehängt. "Haut die Veranstalter ungespitzt in den Boden" rief Rio ins Mikrofon. Erst brannte die leere Organisationsbaracke und schließlich ging die Festivalsbühne in Flammen auf. Nach den Gesetzen der Bundesrepublik Deutschland war das Landesfriedensbruch und Anstiftung zum Aufruhr. Ein Fall, die Notstandsgesetze in Kraft treten zu lassen? Jedenfalls das Polizeiaufgebot sah danach aus. Die durchgebrannten Veranstalter, blieben verschwunden.

Fortsetzung