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Aber für Rio war das Okkollo der Comic-Teater-Truppe kein Gewinn, Kai Sichtermann und Lanrue, mit denen er zusammen spielte, blieben bei der Theatertruppe. Der Traum von einer eigenen Band war erst mal ausgeträumt. Die Wohnung, in der Rio 1970 lebte, zusammen mit Gorki seinem Freund, der an der Nadel hing, war keine Kommune und auch keine Berliner Matratzengruft, in der jetzt mancher Millionärssohn in abgerissenen Klamotten lieber schlief, als im komfortablen Zuhause, an Elbchaussee oder Starnberger See. In dieser Wohnung hatten Rios Großeltern gelebt. Die Korngarben in Öl an der Wand kannte Rio seit frühster Kindheit. und auch den Schrank mit den Sammeltassen, die nur bei festlichen Gelegenheiten auf den weiß gedeckten Kaffeetisch kamen.
Hier saß er nun, und kam sich vor wie ein Walfisch im Goldfischglas. Vom weiten tiefen Ozean trennte ihn nicht nur dieses Aquarium, die Wohnung, in der die Zeit still stand. - Schrieb man das Jahr 36, flatterten draußen überall die Hakenkreuz- Standarten, Gewann Robergs Vater gerade die Goldmedaille im Speerwurf? Lag rundherum noch alles in Trümmern?
Man konnte zwar diese Wohnung verlassen, aber das Aquarium verließ man nicht. Westberlin, die Viersektoreninsel war immer noch kein Festland. Hinter Dreilinden begann das Ausland der " Deutschen Demokratischen Republik" und das hörte erst wieder auf in Helmstedt hinter den Grenzbefestigungen des "Antifaschistischen Schutzwalls".
Ohne Durchreisevisum ausgestellt von einem Vopo konnte man das besondere Territorium Westberlin nur mit dem Flugzeug verlassen. Und war ein Walfisch dann im Freien Westen, umgab ihn immer noch das Aquarium. Auch hier - ob in Bonn oder in Hamburg, in Stuttgart oder München war er längst noch nicht im weiten Ozean, allenfalls im Äquator, wo dressierte Delphine Kunsstückchen vorführten, pünktlich dreimal täglich, ganz locker und ganz fröhlich hoch über der Wasseroberfläche Pirouetten drehten und dabei ihre Heringsmahlzeit mit dem Maul auffingen. "Weiter, guter Mond weiter!" hatte der kleine Hävelmann gerufen. Aber der blasse blaue Lichtschein von draußen kam nicht vom Mond, der durch das Fenster schien, sondern von gegenüber von den Kasernen der Bereitschaftspolizei. Weiter ging gar nichts, nicht mal wenn der Mond schien, auf dem seit einem halben Jahr ein Sternenbanner steckte, das Neil Amstrong, der Astronaut dort e aufgepflanzt hatte.
Rio war nicht der einzige, der fest daran glaubte, diese Mondlandung sei eine Gemeinschaftsproduktion von Hollywood und NASA gewesen., vielleicht hatten sie ja auch das Ganze irgendwo in Vietnam gedreht, dort sah es jetzt auch so zerbombt aus wie auf dem Mond, aber eigentlich war ihm das jetzt auch egal. Er hockte im Goldfischglas. Und selbst wenn dieses bereits als Kapsel die Erdumlaufbahn verlassen hätte, konnten weder Mao noch Karl Marx, erst recht kein anderer, den Stern bestimmen auf dem er landen könnte.
Er hatte Theatermusiken komponiert, er hatte mitgespielt in den Theaterprojekten seiner Brüder, den Paul gespielt und gesungen. In "Rita und Paul", hatte in der Kreuzberger Oranienstraße die Stegreiftheater-Übungen seiner Brüder mitgemacht. Während der Experimenta in Frankfurt, vor den wildesten Rockern bestanden, hatte mitgewirkt dabei, die bundesdeutsche Theaterelite aufzuscheuchen und zu erschrecken, aber das hatte dort auch Joseph Beuys getan, allein mit einem Schimmel auf der Bühne im Frankfurter Schauspielhaus.
Er hatte bei den "Roten Steinen", Lehrlingen aus Kreuzberg, in Köln den Formen eines Lehrlingstheaters gemimt, war schon mal aufgetaucht in Magazinen des WDRs des ZDFs, hatte dabei mitgewirkt die exklusive Weihnachtsfeier einer exklusiven Werbefirma so nachhaltig aufzumischen, daß die Angestellten das Inventar zertrümmerten. " Macht kaputt was Euch kaputt macht" wirkte offenbar nicht nur bei Kreuzberger Prollis in der Naunystrasse, sondern auch bei Etablierten in einer Düsseldorfer Werbeagentur, aber: RiodeGalixis war noch immer ein Satellit, ein Goldfischglas am Sternenhimmel. Gorgie lallte ins Mikro, er brauchte wieder einen Schuß. Er sollte singen oder Gitarre spielen, das konnte er nämlich, aber inzwischen konnte er es nicht einmal mehr, wenn er vollgedröhnt war.
Gleich kam Tante Lollo und machte bei ihm Pause von Oma, sah nach dem Rechten, rauchte eine halbe Schachtel Zigaretten, bekam dann einen Schluckauf und sagte. " Ja doch Mutter ich komm ja schon," Der Schluckauf war das Psy-Beep-Signal von Oma Rosa, ihrer strengen Mutter. Wahrscheinlich lief im ersten ein wichtiges Pokalspiel und Oma hatte das Zweite eingeschaltet. Oma Möbius, Vaters Mutter ohne Beine, 85 Jahre alt, sah leidenschaftlich gerne Fußball. Für diese Frau, die aussah, wie die Totenmaske vom ollen Fritz, war diese Welt vollkommen in Ordnung, hatte Hertha gewonnen, und lagen die Handtücher von Lolo sauber gebügelt im vierten Schubfach von unten, Lagen sie dort nicht, sondern im Schubfach drüber, war die Welt nicht mehr in Ordnung. Oma Möbius hatte kein Problem diesen Fehler im System zu korrigieren. Beep! Schluckauf, Lola kam schaltete aufs Erste, Hertha verlor zwar, aber Lolo hatte die Handtücher wieder dort hingelegt, wohin sie gehörten. Hertha gewann bestimmt beim nächsten Mal.
Rio hatte nicht nur die Nase von seinem Vater geerbt, der hatte sie von Rosa, seiner Mutter, sondern auch von beiden die klare Vorstellung von einer Ordnung, die vernünftig ist. Aber um sich solch eine Ordnung im eigenen Beruf zu schaffen brauchte man einen Standpunkt. Vaters Zirkel stach in den Mittelpunkt, bevor er einen Kreis schlug.
Zwar konnte man den Mittelpunkt berechnen, war ein Kreis vorhanden. Aber wie um Archimedes Willen, berechnet man den Mittelpunkt eines Rockmusikers der in deutscher Sprache singt. Jeder Rangierer bei der Bundesbahn, Dachdecker, Schornsteinfeger, Fotograf, oder, wenn es sein mußte, auch jeder Schauspieler auf der Bühne hatte so einen Stand- und Mittelpunkt für die Ordnung seines Berufs. Dieser junge Mensch aus dem Land der Schnulzen und der Operetten, der in seiner Muttersprache als Texter. Musiker und Sänger ohne sich zu verleugnen, ohne sich anzupassen Rockmusik machen wollte, konnte das nicht. Die Stunde der Wahrheit ob man einen Standpunkt hatte, schlug vor dem Mikrofon, das verriet gnadenlos, wenn was nicht stimmte, bisher hatte Rio sich hinter Rollen in Theaterstücken versteckt. Jetzt, das war klar, blieb er bis in alle Ewigkeit ein Goldfischglas in der Galaxis, wurde er kein leuchtender Stern, wenn er nicht endlich Boden unter den Füßen spürte, mit dem er verwurzelt war. Wie Vater der Ingenieur, mußte man auch hier eine Lösung des Problems selber erfinden.

Fortsetzung