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Für Gert, der nicht nur die Ausstattung der Oper besorgt hatte, sondern auch den geschäftlichenTeil des Produzententrios zu vertreten hatte, dauerte sie noch sehr viel länger. Er haftete für einen Teil des entstandenen Defizits. Garricks Manager machte keine Fisematenten um die Gage seines Stars zu kassieren, binnen vierzehn Tage kämen aus Soho zwei Ballermänner, wäre bis dahin die Gage nicht auf seinem Konto. Aber um in Berlin erschossen zu werden brauchte man keine Beatoper zu produzieren. Denn es war plötzlich, für die als unpoltisch gescholtene Jugend der Bundesrepublik auch lebensgefährlich geworden sich politisch zu engagieren. Diese Roßkur machte nun eine ganze Generation. 14 Tage vor der Beatopern- Premiere im Theater des Westens wurde für einen Staatsgast, für Rezah Palevi, den Schah von Persien, und Soraja seine Gattin, in der Deutschen Staatsoper die Zauberflöte von Wolfgang Amadeus Mozart aufgeführt.
Während drinnen die Arie des Sarastros gesungen wurde, verprügelten draußen vor der Oper Prügelperser als Ordnungshüter die Demonstranten, die gänzlich ungeübt im Demonstrieren, zum ersten Mal, so etwas probierten. Das Ohnesorg Theater aus Hamburg kannte jeder in der Bundesrepublik aus dem Fernsehen, nun hatte der Namen Ohnesorg einen völlig neuen Klang. Benno Ohnesorg hieß der Student den der Hauptwachtmeister Kurras am 2. Juni in der Krummen Straße erschossen hatte, Kurras war in Zivil und erschoß den Studenten wie es später hieß in "putativer Notwehr, was soviel hieß: Fühlte sich ein Polizist bedroht, egal ob in Uniform oder Zivil, egal ob daheim in seiner Wohnung oder auf der Straße, dann konnte er schießen, es kam nicht auf die Bedrohung, sondern auf das Gefühl des Beamten an.

Kommunarden

Binnen einer Woche waren alle Garagen Winnetous sperrangelweit offen. Stadtindianer, Haschrebellen, Spontis, SDS, K1 und 8883, Stadtteilgruppen, Ml, MG, Kinderläden gingen jetzt gegen das Schweinesystem auf den Kriegspfad. In Berlin war das die Kantstrasse - dort stand das Amerikahaus - und der Kudamm dort saßen auch Ostern 1968, nach dem Attentat auf Rudi Dutschke - strategisch günstig - die BZ-Berliner und Berlintouristen im Kranzlereck. Wasserwerfer und Gummiknüppel machten im Handumdrehen aus diesem Publikum Betroffene, Teilnehmer an der Anti Springer Demonstration der Krummen Straße begann der lange Marsch durch die Institutionen, setzte sich die Revolution in Gang, die, wie bald jeder, der mit dem Zeitgeist mithalten wollte, wissen mußte, die Lokomotiven der Geschichte sind.
Das Schweinesystem, waren die Bullen und alle Autoritäten, die es repräsentierten. Ob Kapo auf dem Bau, Lehrherr in der Spenglermeisterei, Pressezar, Universitätsprofessor, oder der Vizepräsident der USA, Der nette Onkel Sam, der den Nachkriegskindern Kaugummi, Elvis, Coca Cola, Micky Mouse und Donald Duck mitgebrachte aus den USA, bombte jetzt , nicht anders als der deutsche Landser in Polen oder in Rußland gegen den kleinen Charlie in Asien, führte Krieg gegen das kleine Vietnam: "Hohoho Hochimin!" Die Struwellpeterkinder, die jetzt nur noch auf krächzende Megaphone hörten, und nicht mehr auf den Polizeilautsprecher auf der Straße oder in der Tagesschau verweigerten wie der Suppenkasper das Konsumieren , randalierten wie der bitterböse Friederich und machten am Abendbrottisch der Eltern Randale, schlimmer als der Zappelphilipp.
Bekifft träumten sie frech in aller Öffentlichkeit und fielen dabei nur noch selten in den Landwehrkanal, dafür kamen Daumenlutscher, denen der Daumen nicht reichte, die für einen Kick die Fixe brauchten immer häufiger auf Bonnys Ranch, so hießen die Bonnhöfer Kliniken im Jargon, in denen die Ausgeflippten behandelt wurden.
Kaufhäuser und Supermärkte betraten die Urenkel der Kommunarden von Paris, von Bankunin und Trotzki nur noch nur mit Verachtung, wenn Mamma zu Besuch war in Berlin und einen Einkaufsbummel machen wollte im Kaufhaus des Westens. Sonst aber ging man in diese Agenturen des Kapitalismus, nur noch in der Absicht dort zu klauen. Rechtfertigungen, gab es für jeden Bildungsgrad. Für den geschulten Marxisten-Leninisten von der Freien Universität und für den jungen Hilfsarbeiter ohne Schulabschluß.
Jugendliche, die gegen den Vietnamkrieg, gegen Häuserabriß, gegen das Züchtigungsrecht der Erziehungsberechtigten waren, diskutierten, ob Gewalt nur gegen Sachen erlaubt war oder auch gegen die Büttel und Schergen des Systems- womit die Frage eigentlich schon entschieden war. Da hatten die Alten mit Müh und Not den Krieg überstanden, hatten gehungert, gefroren und gehamstert, hatten in die Hände gespuckt, die Trümmer weggeräumt und alles neu gebaut, sogar die Häuser, die den Krieg heil überstanden hatten wurden abgerissen um an ihre Stelle bunte Schuhkartons zu stellen. Sie hatten Überstunden gekloppt, damit die Küche einen Kühlschrank und einen Elektroherd, das Badezimmer Fliesen und einen Boiler bekam: im Wohnzimmer stand eine nagelneue Möbelgarnitur, Finnische Birke, sündhaft teuer, Und was sagten die Kinder dazu? Die schrien: "Das ist die Hölle, wir müssen hier raus? Um Gottes Willen! Wohin denn und warum? Man dachte, sie würden sich freuen, stolz sein auf die tüchtigen Eltern. Was war hier los in diesem Land der Davongekommenen, jetzt regiert von einer großen Koalition? Strauß der bullige Bayer von der CDU-CSU umarmte den schmächtigen SPD Wirtschaftsprofessor Schiller. Der Nachwuchs rebellierte, und die Altvorderen sofern sie politische Verantwortung trugen, drückten ein Auge zu, Die Medien , egal wer sie waren und wo sie standen, räumten den Studenten, unverhältnismäßig viel Spielraum ein, ja brachten sogar Sympathie zum Ausdruck, solange die Jugend nur protestierte und Reformen reklamierte. Eine wunderliche Gasterey!

Bon Matin Budda!

Wunderliche Gasterey hieß ein Märchen der Gebrüder Grimm und ein anderes hieß: "Das Märchen von der Unke" Aus diesen beiden Märchen machte der Comic Theater einen denkwürdigen Theaterabend mit Rios Musik. "Hätte ich dich, so wollt ich dich" schrie die Blutwurst aus dem Fenster unterm Dach, als ihr die Leberwurst, die sie als Nachbarn in ihr Haus gelockt hatte, um sie zu fressen gerade noch entkommen war. " Und das lange, lange Messer blinkte, als Wehres frisch gewetzt".
"Flieh Leberwurst flieh!" hatte ihr ein: "Ich "weißnichtmehrwersgewesenwar" geraten " Du bist in einer Blut- und Mörderhöhle" Der einzige Satz auf deutsch in diesem Spiel. alles andere wurden in einer erfundenen Fremdsprache gesprochen. Die Blutwurst begrüßte ihren schmächtigen Nachbarn nicht mit den Sätzen: " Bon Matin, Bruder, ist euch ein kleiner Besuch gefällig sondern sie brüllte übertrieben und heuchlerisch im Ton eines japanischen Bunraki-Spielers: "Bon Matin Budda, is es gefälli ä kleen visit?" Im zweiten Teil des Theaterabends wurde das Märchen von der Unke gespielt - ein Singspiel. Das dicke Kind schloß Freundschaft mit der Unke, das sahen Mutter und Gouvernante gar nicht gern. Die Unke war unheimlich und häßlich, sie war kein Spielgefährte für das dicke Kind.
Die Unke brachte ihre Schätze breitete man ein blaues Tuch vor ihr aus, und stellte darauf Milch und Wecken, weil die Unke es so gerne mochte. Die Gouvernante erfuhr davon tat freundlich zu dem verabscheuten Tier raffte Krone und Perlen vom blauen Tuch und schlug die Unke tot. Vorgeführt wurden die Stücke mit Kostümen und Masken von denen man nicht sagen konnte ob sie aus Japan, Afrika, der allemanischen Faßnacht kamen, oder der neuste Schrei einer New Yorker Off-Theater Gruppe waren.
Wer wollte noch unterscheiden können in welchem Kulturkreis dieses Spiel entstanden war? Für eine Veranstaltung des Astas war der Eintrittspreis zum Okkolo nicht nur relativ teuer, sondern sie war auch höchst sonderbar: Hier, in den heiligen Hallen der Außerparlamentarischen Opposition, der Apo, in denen sonst Rudi Dutschke redete, Kunzelmann und Langhans sich des Mikrofons bemächtigten, machten Leute ein Musiktheater, das in keine ideologische Schublade paßte. Doch die Vorstellungen waren voll. Man riß sich um die Karten. Und manche waren auch noch viele Jahre später froh darüber, daß sie bei der Wunderlichen Gasterey zu Gast gewesen waren. Die Beastopernscharte war ausgewetzt, soweit es das Künstlerische betraf.

Fortsetzung