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Rio ging zur Schule, kam zu Herrn Lehrer Streng, und Fräulein Schimpf. Todt hieß der Herr Direktor - so hießen sie, tatsächlich. Die Welt war voller Geheimnisse und Rätsel in der Schule wurde keines davon gelüftet und keines der Rätsel wurde dort gelöst. Sie kamen nicht einmal zur Sprache. Das Wasser war, wie Rio in Brühl erfuhr, auch hier gefährlich, auch wenn es nicht reißend floß, wie das der Traun, konnte man im Wasser ertrinken, auch wenn kein Sturm aufkam, wenn es so spiegelglatt und blau war wie im Schwimmbad. Ein Klassenkamerad ertrank, bevor sich Rio mit ihm befreunden hatte. Plötzlich war er tot. Ertrunken, unter den Augen des Bademeisters.
Rio betete zum lieben Gott, den Ertrunkenen wieder zum Leben zu erwecken. Aber der Junge blieb verschwunden, kam nie mehr in die Klasse zurück. Die Freundschaft würde er erst im Himmel schließen.
Warum dort und nicht im Diesseits? Konnte ein Lehrer das erklären? Davon stand nichts im Lehrplan.
Sieben mal Zwölf?
Vierundachtzig?
Die Nebenflüße der Donau?
Iller, Lech, Isar, Inn.
Schule war Pflicht. Pflicht, so wie Zähne putzen oder Füße abtreten, Pflicht, wie früh aufstehen und abends nicht so lang im Bett noch lesen "du verdirbst Dir doch dabei die Augen!" Schule war Strafe und Belohnung, fing mit der Schultüte an und hörte mit Versetzung oder Sitzenbleiben auf. Schule war die langweilige Variante des Struwwelpeters.
"Wenn die Kinder artig sind
kommt zu ihnen das Christkind.
Wenn sie ihre Suppe essen
und das Brot auch nicht vergessen,
wenn sie ohne Lärm zu machen,
still sind bei den Siebensachen,
beim Spazierengehn auf den Gassen
von Mama sich führen lassen
bringt es ihnen Guts genug
und ein schönes Bilderbuch."
Der Struwwelpeter by Doctor Heinrich Hoffmann 1847 Frankfurt a. Main. Das Bilderbuch war schaurig aber wahr, ein alptraumhafte Abbild der Zwangsjacke, in der Kinder und Erwachsene steckten, und Kinder, wenn sie erwachsen waren und selber Kinder großzuziehen hatten.
Rio hat 1975 für das Dortmunder Kinder und Jugendtheater die Musik zu einer Struwwelpeter Revue geschrieben.

Grundeis

1965 war Rio Reiser 15 wieder einmal stand der Möbelwagen vor der Tür, diesmal in der Nürnberger Erlenstegenstraße. Die Familie zog nach Niederroden in der Nähe von Frankfurt, Rio hatte schon ein paar Lehr- und Wanderjahre hinter sich gebracht.
Er kannte inzwischen die Bayern und die Pfälzer, hatte in Schmieden, Fellbach, Stuttgart und Bad Canstatt die "Kehrwoch" der schwäbischen Häuslebauer kennen gelernt. Er konnte Klavier und Gitarre spielen. hatte in der Schule ein Theaterstück geschrieben, das aufgeführt wurde, ein Märchen, in dem der Jüngste von drei russischen Brüdern am Ende das Zarenreich regiert - und außerhalb der Schule hatte er zwei Bühnenmusiken für die Theaterexperimente seiner Brüder komponiert.
Rio hatte die Bibel gelesen, und fleißig alle Schriften der verschiedenen Religionsgemeinschaften studiert, und sich danach gegen die Konfirmation und für die Quäker entschieden Er wußte wie man durch Tischrücken die Geister von Verstorbenen beschwört, erwarb sich erste Kenntnisse in der Astrologie, und lernte in Nürnberg den Lebensstil der Franken und der Amerikaner kennen. Die Amerikaner nicht nur über "Liefe" aus dem Amerikahaus und den Soldatensender AFN, sondern auch über Joh. Stiegelmeyer, einen Kunststudenten aus San Fransisco, der brachte die allerneusten Science Fiction und Superman Comic ins Haus und kannte die Baseball und Footballregeln.
Während Ralph, der Gymnasiast seine erste Zigarette rauchte, schauten er und drei andere schwänzende Sekundaner des Melanchton Gymnasiums vom Führerstand auf dem Nürnberger Reichsparteitagsgelände den schwarzen und weißen Soldiers beim Baseball-Training zu. "Hart wie Kruppstahl, zäh wie Leder und flink wie Windhunde" hatte der Führer sie haben wollen, von hier oben hatte er seine Heerschau gehalten und Ansprachen gebellt. Und jetzt? Wer wollte jetzt was von dieser Jugend? Sie sollten möglichst früh eine Lebensversicherung und einen Bausparvertrag abschließen.
War's das?
Ja!? -
Ach noch was, nicht zu vergessen da die Jugend männlich war, sollte sie natürlich ihren Wehrdienst bei der Bundeswehr ableisten. Wichtig nicht vergessen, dort kann man seinen Führerschein machen. Der Bundeskanzler war ein dicker Mann der Ludwig Erhardt hieß. Er galt als Erfinder des Wirtschaftswunders. Wahrscheinlich waren die Currywurstbuden, Hähnchenbraterei und Eisdielen, die es jetzt überall gab, seine Idee gewesen. Der Bundespräsident Heinrich Lübke war eine Lachnummer, wie der Namenvetter der Kanzlers, der Komiker Heinz Erhardt. Der Jugend hatten sie nur etwas zu sagen, wenn sie zu "jungen Wehrpflichtigen" sprachen.
Der weibliche Teil der Jugend tat seinen Dienst als "Fräuleinwunder". Die deutschen Mädels waren so hübsch, daß sich sogar Elvis Presley in eine PR-Story aus Frankfurt verlieben mußte und Ton Courts unser Rosenresli geheiratet hat. Aber selbst, wenn sie ernster zu nehmen gewesen wären diese Repräsentanten, waren sie die Vorsteher eines eigentümlichen Staatsgebildes, das sich nicht einig darüber werden konnte, ob es einig war.
Ob es ein oder zwei Deutschlands gab, das war umstritten. Jedenfalls das Deutschland. das die Wetterkarte im Fernsehen zeigte war es nicht, das war ein Großdeutschland in den Grenzen von 1938. Diesen Staatsmännern - egal zu welchem dieser Deutschlands sie gehörten - sah man auf Schritt und Tritt an, daß sie kein souveränes Volk vertraten. Diese "Helmuts", "Heinrichs","Wilhelms". "Gehardts" oder "Walthers" waren Beamte. Ihre Chefs, mit denen sie nachts heimlich telefonierten um ihre Anweisungen zu empfangen, blieben unsichtbar, saßen wahrscheinlich unter der Spitze des Eisbergs, und hießen Grundeis, wie der Mann mit dem steifen Hut aus "Emil und die Detektive." Das unverwüstliche Jugendbuch, das Erich Kästner geschrieben hat.

Fortsetzung