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Das Zauberland brennt immer noch irgendwo

Bild: Stampe


Das Trio „Neues Glas aus alten Scherben“ hat in der Alten TÜV-Halle in Böblingen die Songs von Rio Reiser und „Ton Steine Scherben“ zu neuem Leben erweckt.

18.08.2007 - Von unserem Mitarbeiter Thomas Volkmann


"Ich sitz' hier oben auf meiner Wolke, ich seh' dich kommen aber du gehst vorbei", singt Rio Reiser im Song "Junimond". Man kann sich das heute gut vorstellen, wie der charismatische Sänger und Frontmann der oft auf den Begriff Polit-Rockband reduzierten Ton Steine Scherben vom Himmel aus beobachtet, was mit seinem musikalischen Erbe geschieht. Vielleicht hat er ja auch vom Auftritt von "Neues Glas aus alten Scherben" beim Sommer am See in Böblingen mitbekommen.

Gesehen hätte der 1996 im Alter von 46 Jahren gestorbene Rocksänger dort in der Alten TÜV-Halle ein wie in einem Vortragssaal in eng bestuhlten Reihen sitzendes Publikum, das gebannt drei ebenfalls sitzenden Herren dabei zusah und -hörte, wie diese Lieder einer Zeit zum besten gaben, die man heute als die Geburtsstunde der deutschen Rockmusik kennt.

Dem akustischen Erinnerungskonzert gab diese Vortragssituation einen fast schon musealen Anstrich. Ja, hier konnten fast zwei Stunden lang sich an die Originalkompositionen anlehnende Interpretationen von Rio-Reiser- und Ton-Steine-Scherben-Songs gehört werden. Die Sehnsuchtsthematik und Melancholie mancher Zeilen verflüchtigte sich jedoch, kaum dass die Worte der meist für sich in Gedanken mitsingenden Zuhörer über die Lippen gekommen waren. Von den in diversen Stücken besungenen "stürmischen Zeiten" war in diesem Ambiente wenig zu spüren, wie auch ein spontaner Mitsingaufruf unterstrich. Die Zeilen dazu passten: "Alles verändert sich, wenn du es veränderst. Du kannst nicht gewinnen, wenn du nichts veränderst." Rio hätte hier vielleicht gesagt: "Zauberland ist abgebrannt und brennt noch irgendwo".

Ungeachtet dieser schwierigen Rahmenbedingungen - in ähnlichen Situationen wird man sich sicher bald wieder Konzerte in verrauchten Kneipen herbei sehnen - haben der durch seine Auftritte mit dem Programm "Bukowski Waits For You" in Sindelfingen bekannte Sänger Michael Kiessling, der die letzten drei Jahre bis zur Auflösung von Ton Steine Scherben zur Stammbesetzung der Agitrockband gehörende Dirk Schlömer und Robert-Fripp-Schüler Leander Reininghaus einen repräsentativen Querschnitt des musikalischen Erbes der Scherben und Reisers abgeliefert. Ergänzt um ein paar neue, eigene Stücke, die man aber gerne gegen bekannteres, in Böblingen aber fehlendes Material wie etwa "König von Deutschland", "Blinder Passagier" oder "Manager" eingetauscht gesehen hätte.

Nicht erwarten durfte man, dass Michael Kiessling sich als Reiser-Klon gebärden würde. Dazu ist der aus Trier stammende Sänger viel zu sehr eine eigene Musikerpersönlichkeit, der seit Gründung von Neues Glas im Jahr 2002 den Songs der alten Scherben mit seiner leicht rauen Stimme neuen Schliff zu verleihen weiß.

Begleitet von seinen Erinnerungen an das in den 1980ern in der Region gut bekannte Gitarrenduo Kolbe/Illenberger wachrufenden Kollegen mit Stilanleihen von Rock über Blues bis Funk ließen Klassiker wie "Schritt für Schritt ins Paradies", "Halt dich an Deiner Liebe fest" oder "Der Traum ist aus" die Augen leuchten. Gerne hätte auch noch mehr locker über Sigmund Freud ("Eine Zigarre ist manchmal auch nur eine Zigarre"), die Philosophie falscher richtiger Antworten (Einführung von "Macht kaputt was euch kaputt macht") oder das Geständnis von Fernsehkonsum (Michael Kiessling über "Desperate Housewives") geschäkert werden dürfen, eben um rauszukommen aus der reinen Sachverwalterebene hin zu mehr Publikumskontakt.

Mehr als lebendig

Blixa Bargeld von den Einstürzenden Neubauten hat einmal gesagt: "Für mich haben sich Ton Steine Scherben nie aufgelöst. Sie haben nur vorüber gehend aufgehört zu spielen." In diesem Sinne lässt sich das als letzte Zugabe gespielte "Land in Sicht" interpretieren. Dort heißt es im Refrain: "Die durstigen Lippen wird der Regen trösten, und die längst verloren Geglaubten werden von den Toten auferstehen." In diesem Sinne war Rio Reiser in Böblingen mehr als lebendig.