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Rio Reiser

Der unsterbliche Ton


Vor 20 Jahren haben sie sich kennen gelernt, bei einem legendären Rockkonzert in Ost-Berlin: Rio Reiser und Lutz Kerschowski. Der Musiker aus dem Westen und der aus der DDR wurden Freunde, über Grenzen hinweg - und über den Tod.

Von Torsten Hampel

Der Mann sitzt im Arbeitszimmer, wie immer, vor ihm auf dem Schreibtisch die beiden Computerbildschirme, Diagramme erscheinen darauf, eines und dann das nächste und wieder eines, auf und ab jagende Linien, wie Erdbebenaufzeichnungen. Er braucht die Brille, um das alles scharf zu sehen. Er schaut auf die Spuren eines Lebens.

Seines? Jaja, nee, wäre jetzt vielleicht zu viel gesagt. Das eines anderen? Absolut. Oder beider, womöglich? Man wird sehen.

Die Spuren sind Tonspuren. Musik, aus den Boxen hinterm Schreibtisch kommend, auf den Monitoren sichtbar gemacht. Es ist die Musik von Rio Reiser, geboren 1950 in Berlin-Tiergarten, gestorben 1996 in Nordfriesland. Dass sie ihren Weg hierher gefunden hat, in das Arbeitszimmer einer Wohnung in Berlin-Pankow, das über die Zeit ein Tonstudio geworden ist, hat seinen Grund in zwei erstaunlichen Abenden vor 20 Jahren. Zwei Rockkonzerte in Ost-Berlin, zwei dienstliche Begegnungen, denn Rio Reiser war Rockmusiker, und Lutz Kerschowski, der Mann am Schreibtisch, war es auch.

In der letzten Zeit jedoch hat Lutz Kerschowski, Jahrgang 1953, geboren in Pankow, vor allem eines getan: an diesem und anderen Tischen sitzen, Tonbänder, Fotos, Notizbücher suchen, finden, das alles auf Computer überspielen, katalogisieren und nach Möglichkeit veröffentlichen, zehn Jahre lang war er Archivar. Hat Hausschuhe getragen und seine Zeit zugebracht als Sammler, Ordner, Verwalter von Dingen, die Reiser hinterlassen hat.

Rio Reiser, Künstlername. Kopf oder Seele oder gleichberechtigtes Mitglied des Kollektivs Ton Steine Scherben, jener legendären häuserbesetzenden, westdeutschen Rockband der 70er und 80er Jahre. Musikalischer Gewährsmann der Linken in der Bundesrepublik. Kinderlieder-, Musiktheaterstücke- und Filmmusikschreiber, Sänger, „König von Deutschland“, ein kaum fassbar großes Werk, „allein 1000 Gigabyte Audiomaterial“, sagt Lutz Kerschowski. Das Audiomaterial liegt auf den Festplatten des Computers rechts neben dem Schreibtisch. „Es hat mich überrollt“, sagt Kerschowski.

Sein Blick weicht nicht von den Monitoren, die Reiser-Musik, die Musik seines Freundes, er schaut sie sich an, sieht, wie sie die Diagramme, Lautstärkepegelkurven malt, wie ein kleines digitales Uhrwerk die Takte mitzählt, er kennt das alles längst bis zum feinsten Ton, freut sich, grinst, wenn die Musik, die Arrangements anspruchsvoll werden, „Fismollsiebenplus“, sagt er, „nicht einfach A-Dur-E-Dur“, er kann das Programm wechseln und an den Bildschirmen die Noten mitlesen, hat er selber aufgeschrieben, „runtergehört“ von den Schallplatten, sagt er, hat sie kontrollieren lassen von Gitarristen, Pianisten, er ist in den letzten Zügen seiner Arbeit an einem Rio-Reiser-Liederbuch. 400 Seiten wird es haben, wenn es im nächsten Jahr erscheint.

Dann wird es fürs Erste ein Ende haben, „ich will wieder mehr eigene Sachen machen“, sagt Kerschowski. Es soll wieder losgehen, vielleicht ein bisschen so werden wie damals vor 20 Jahren, als seine erste Schallplatte schon erschienen war, die „Weitergehn“ heißt. Und er an die letzte noch nicht dachte. „Vorbei is vorbei“ heißt die.

Die Freie Deutsche Jugend, Bezirksleitung Berlin, hatte Konzerte organisiert, am 1. und 2. Oktober 1988. Rio-Reiser-Konzerte in der Werner-Seelenbinder-Halle, zweimal 6000 Leute, und Lutz Kerschowskis Band Kerschowski, DDR- „Nachwuchsband des Jahres 1987“, war dabei. Vorgruppe.

Es war ohnehin schon sehr viel los gewesen in diesem Jahr, Depeche Mode traten auf in Ost-Berlin, Bruce Springsteen, Bryan Adams, Joe Cocker waren da, James Brown, die Bands Fischer-Z und Big Country, die Rainbirds. Lauter Außerirdische. Unbezahlbare oder Unpräsentierbare, Aufrührer. Und als sei das alles nicht schon genug gewesen, nun Reiser.

Auch heute kann kaum einer der Beteiligten sagen, was sich damals eigentlich abgespielt hat. Ob der systemerhaltende Beton zu bröckeln begonnen hatte, ob das Aufsichtspersonal in SED und FDJ zu schwach geworden war, den Überblick verloren hatte, oder ob diese Leute mittlerweile einfach weg waren und langsam Jüngere, Liberale auf den entscheidenden Posten saßen. Es gab jedenfalls kein großes Gezeck um Reiser, selbst der einigermaßen moderate Wunsch des FDJ-Zentralrats, also von ganz oben, Reiser sicherheitshalber ein bisschen ab vom Schuss, in Dresden, auftreten zu lassen, ihn also etwas zu verstecken, konnte nicht durchgesetzt werden.

„Ich hab damals eine Nacht lang gegrübelt, als die Anfrage kam“, sagt Kerschowski. Denn jene ’88er Großkonzerte sind nicht für alle Beteiligten schön gewesen. „Da gab’s ja die Aggression gegen die vorher spielenden DDR-Bands, gegen Leute, die man sonst ja mochte oder akzeptierte.“ Da flogen Buletten auf die Bühnen.

Ihm war klar, dass auch diesmal kaum einer aus dem Publikum seinetwegen anwesend sein würde. Aber dann: „Scheiß drauf. Du willst den Reiser ja mal kennenlernen, hab ich gedacht, und ich mochte das, mich unter Druck zu setzen.“

Er hat sich dann einen Satz überlegt, einen, der ihn selber klein macht und eins mit dem Publikum, er stand vor den zweimal 6000, und nach dem ersten Lied hat er gesagt: „Ich weiß zwar nicht, wo Rio liegt, aber ich weiß, dass er nachher hier auf der Bühne stehen wird.“ Kerschowski bekam Beifall. Die Buletten blieben aus.

Ein paar Lieder später hat er dann noch von den „alten Männern“ gesprochen, „die uns schon viel zu lange sagen, was wir zu tun und zu lassen haben“. Auch dies zwei Mal, trotz Warnung nach dem ersten Abend, wieder Beifall, und er hat mit Reiser geredet, irgendwo hinter der Bühne. Vorsichtig, Smalltalk, sie stellten fest, dass sie Gemeinsamkeiten haben.

Beide schrieben deutsche Texte, sie unterhielten sich über die Schwierigkeiten, die richtigen Worte zu finden für Lieder, die es im Englischen bereits gab. Kerschowski sprach vom Ärger beim Abmischen seiner ersten Platte, „der Produzent hat da so eine 80er-Jahre-Soße drübergekippt“, sagt er, zu sauber ist sie geworden, zu wenig Rock ’n’ Roll, zu dünn. Auch das kannte Reiser. Und er kannte Schulden. Reiser hatte welche nach dem Ende von Ton Steine Scherben, Kerschowski war gerade dabei, welche zu machen. Er hatte eine gebrauchte Lautsprecheranlage gekauft, bezahlen sollten alle in der Band, so war es abgesprochen. Doch Kerschowski allein hatte den Kaufvertrag unterschrieben. Wie das dann so ist.

Reiser hatte Kerschowski am Ende dieses ersten Gesprächs etwas Absurdes vorgeschlagen: „Lass uns die nächste Platte bei mir abmischen“, hat er gesagt, sagt Kerschowski, „in seinem Bauernhof in Nordfriesland“.

Vielleicht lag es wieder am schwachen Aufsichtspersonal, Kerschowski jedenfalls stand eines Tages im Jahr 1989 in einer Pankower Telefonzelle und erzählte Reiser, dass er tatsächlich einen Pass bekommen habe und bald auf dem Bauernhof erscheinen würde, wieder verging etwas Zeit, und im Frühjahr ’89, nach neun Stunden Fahrt im Wartburg, war er da. Sie mischten und redeten, die Platte wurde fertig, die Mauer fiel, Kerschowskis alte Lautsprecher waren von einem auf den anderen Tag wertlos, nur die Schulden blieben, Reiser gab ihm die 20 000 DDR-Mark von seinem DDR- Konto, das Seelenbinder-Hallen-Honorar. Machte Kerschowski zum Gitarristen seiner Band, fuhr mit ihm, dessen Frau und der kleinen Tochter immer wieder in den Urlaub, „Mensch, die ist jetzt auch schon wieder 19“, sagt Kerschowski. Reiser starb.

Sieht er ihn vor sich, seinen Freund, wenn er die alte Musik hört, wenn er auf die Computerbildschirme schaut? „Nee“, sagt Kerschowski. „Du merkst aber, dass du ihn in der Sorgfalt wiedererkennst. Er war ja unglaublich sorgfältig. Die Aggression, die Liebe, die Zärtlichkeit, den Witz, das erkennst du wieder. Aber so eins zu eins“ – Reiser-Musik ist gleich Reiser – „ist es nicht.“ Es sind bloß Spuren. Sie entsprechen dem ganzen Bild, aber sie sind es nicht.

Kerschowskis Verdienst ist es, dass dieses Bild seit Reisers Tod vollständiger geworden ist. Reisers Familie hatte ihn damals gefragt, ob er sich nicht um den Nachlass kümmern wolle. Und Kerschowski hat gemerkt, dass keiner da gewesen ist außer ihm, der das hat machen können. Hat er also angefangen. „Archivlogistik“, sagt er, „da gibt’s ja ganze Bücher drüber. Du musst so einen Nachlass ja sortieren.“ Nach beschriebenen Bierdeckeln und Briefen. Nach Briefen, die reinkamen, und Briefen, die rausgingen. Briefen von Fans und Briefen von der Familie. Nach losen Blättern. „Wie archivierst du lose Blätter?“

Aus Lutz Kerschowski, der als junger Mann Autoschlosser, Hausmeister und Musikstudent gewesen war, der eine angesehene Rockband hatte und Reiser zum Freund, aus dem „Berater des Königs“ – so nannten ihn einige –, war ein Nachlassverwalter geworden. Weil es sich so ergeben hatte.

Doch wenn Kerschowski dasitzt und sich freut über die Dinge, die er zusammengetragen hat, über hingekritzelte Reiser-Malereien, mit denen das Liederbuch illustriert sein wird, über die kleine Barock-Piano-Phrase am Anfang von „König von Deutschland“, über all den vermeintlichen Kleinkram, der ganz offensichtlich von hohem Wert für ihn ist – und der ihn ein Jahrzehnt lang beschäftigt hat –, dann wird noch etwas anderes klar. Etwas Naheliegendes. Das hier muss ein Freundschaftsdienst gewesen sein, über den Tod hinaus.

Kerschowski selbst redet nicht in solch hohen Tönen darüber, er spricht von seinem Forscherdrang und dem „Aha-Effekt“, der sich einstellt bei ihm, wenn er eines dieser Details erkannt und verstanden hat. Eine große Belohnung für seine Arbeit, sagt er, nicht zu unterschätzen. Er sagt auch: „Ich mach drei Kreuze, wenn ich fertig bin.“ Oder: „Die Filmmusiken zwischendurch, die haben mich gerettet.“

Seine Filmmusiken, zwei gute Dutzend hat er gemacht in den letzten zehn Jahren, auch die hat er auf dem Computer. Die für den Film „Brennendes Herz“ kommt gerade aus den Boxen und läuft auf den Monitoren, Kriminalfilmmusik für die ARD von 2006. Unterteilt nach Handlungssträngen, Tonspuren, die „Action“, „Pistole“ und „Briefbombe“ heißen. Und „Freundschaft“.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 05.10.2008)