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Mimenspiel
Im Zauberland der Poesie

Mit zweimal Reiser und Hermann Hesse durch die Jahrhunderte

Von Lilian Klement

Suhl – Es bedarf wenig, um ein Publikum zu verzaubern – blaues gedämpftes Licht, Kerzen in Schalen auf dem Boden, ein Berg raschelnden Herbstlaubes und ab und an wabbelnde Nebelschwaden.

Ist das etwa der brave Bankettsaal im CCS? Kaum wiederzuerkennen. Wären da nicht an manchen Stellen die dicken Säulen, die gelegentlich den Zuschauern die Sicht versperren, man könnte diesen Raum für ein wunderbares kleines intimes Theaterpodium halten.
Natürlich ist es nicht nur diese eigentümlich geheimnisvolle Atmosphäre, und trockenes knisterndes Laub, welches uns sinnfällig daran erinnert, wie die Zeit über alles streicht – ein Kommen und Gehen im Weltengetriebe – es gehört zum Konzept, das die Meininger Künstler Michael Gerlinger und Stefan Groß für ein hinreißendes musikalisch-literarisches Projekt schaffen, dem sie den Titel „Als Mensch durch die Jahrhunderte“ gaben.
An diesem Abend erlebt es in der Reihe Mimenspiel des CCS seine Premiere. Mit drei Menschen wandern sie für zwei Stunden durch Jahrhunderte – mit Anton Reiser, Rio Reiser und Hermann Hesse. Das Wort und die Musik und die Symbiose zwischen beiden, das ist es, was den roten Faden spinnt und dem Publikum zu Herzen geht. Freilich, bei so starken Wortkünstlern wie Hermann Hesse und dem Rockpoeten Rio Reiser bleibt eine intensive Berührung der Seele nicht aus.

Der Schauspieler Michael Gerlinger, der das Publikum vor ein paar Jahren im Meininger Theater mit einem dramaturgisch gestalteten, bewegenden Lyrikabend „An die Deutschen“ überraschte, hat sich erneut der Poesie besonnen und sie nun um die Welt der Töne ergänzt. Rio Reiser ist für ihn noch heute, obwohl der schon zehn Jahre tot, einer wichtigsten Menschen in der deutschen Musikszene, auch was die Qualität seiner Texte angehe, sagt er. Von ihm stammten die schönsten Liebeslieder, die man sich denken könne.

In Gerlingers klugem Vortrag erhalten sie eine besondere Verstärkung, vor allem, was deren Schicht darunter betrifft. Dabei ist schon die Idee des Schauspielers, den literarischen Spuren von Reisers Künstlername nachzugehen, reizvoll und herausfordernd. Wer weiß schon heute noch etwas vom Schriftsteller Karl Philipp Moritz (1756-1793), der den psychologisch angehauchten Roman „Anton Reiser“ schrieb, in dem Moritz, der ein rechter Sonderling war, sein eigenes Leben schildert. Diesem einsamen und verkannten Anton fühlt sich Ralph Möbius bereits als ganz junger Mensch verwandt und bedient sich seines Namens.

Reisers Musik und Moritz‘ manchmal leicht schauerliche Texte, die fast 200 Jahre in ihrer Entstehung auseinander liegen, setzt Gerlinger in einen Kontext, und dabei gelingen verblüffende Momente. Auch Anton Reisers „Traum ist aus“, wie Rio Reiser hinaus schreit. Beide sehen sich nach der besseren Welt und müssen feststellen „Zauberland ist abgebrannt“. Gerlinger ist weit davon entfernt, Rio Reiser nur nachzuahmen. Und Stefan Groß, setzt behutsam – mit seiner Gitarre am Boden sitzend – nur immer wieder angedeutete Akzente, die Übergänge schaffen oder die Texte unaufdringlich untermalen.

Schade, dass die zweite Hälfte mit den sinnlichen wie intensiven Sprachbildern von Hermann Hesse so knapp ausfällt. Man hätte noch mehr hören wollen von Versen wie „Kennt ihr die Muse der Schlaflosigkeit“ oder Worten wie „Die Blume lacht, die Wolke regnet, das Stumme spricht“. Aber vielleicht bekommen wir Zuhörer, die wir beglückt von diesem Erlebnis waren, das ja ein andermal zu hören.