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erschienen am 6. August 2004 in Kultur / Medien Kultur / Medien


Als der "König von Deutschland" aufs Land zog Sommerausflug: Im nordfriesischen Fresenhagen steht das Rio-Reiser-Haus. Wo einst der Sänger lebte, gibts Gästezimmer, ein Café und am 20. August ein Festival.

Von Volker Albers

Fresenhagen - Tief hängen die Wolken über Fresenhagen. Der Wind weht von Westen her, hier in Nordfriesland, wenige Kilometer südlich der dänischen Grenze.

Gesäumt von einem weißen Holzzaun, geschützt unter einem Apfelbaum liegt das Grab im Schatten des großen alten Hofes. Auf der Platte liegt ein silberner Ring, dahinter ein dunkles Plektron. Zurückgelassen von Fans, ein letzter Gruß an einen, den sie noch immer verehren, weil es eine Zeit gab, in der er der "König von Deutschland" war. "Erika, unsere Mutter, räumtdie Sachen immer weg, wenn sie zu Besuch kommt", sagt Gert Möbius und schaut auf das Grab. Dort ruht sein Bruder. "Rio Reiser" - der Name in Stein gehauen. Geboren am 9. Januar 1950 als Ralph Möbius, gestorben am 20. August 1996. Hier in Fresenhagen. Das Grab ruht inSichtweite seines alten Arbeitszimmers.

Berlin 1970. "Macht kaputt, was euch kaputtmacht" ist die erste Single einer Band namens "Ton Steine Scherben", die entstanden ist aus dem Lehrlingstheater "Rote Steine". Ralph Möbius singt den Song, der zu einer Art Schlachtruf der linksradikalen Szene nicht nur in Berlin werden soll. Und "Ton Steine Scherben" wird die Kultrockband jener Jahre; Alben wie "Keine Macht für Niemand" (1972) und "Wenn die Nacht am tiefsten" (1975) festigen ihren Ruf. Die Szene will immer mehr, vor allem klare Parolen. Doch "Ton Steine Scherben" hat sichvom Plakativen entfernt und will den ideologischen Erwartungen nicht mehr gerecht werden. "Der Traum ist aus" heißt bereits 1972 ein Song, der in trotzige Dialektik mündet: "Aber ich werde alles geben, dass er Wirklichkeit wird." Die resignative Spur jedoch, sie ist gelegt. So verlässt die Band Berlin und geht nach Nordfriesland. Dort hat Ralph Möbius, der sich in Anlehnung an den Roman "Anton Reiser" von Carl Philipp Moritz seit kurzem Rio Reiser nennt, einen heruntergekommenen Bauernhof gekauft. Der Hof heißt Fresenhagen. Es ist das Jahr 1975.

Im Café Junimond erinnert wenig an jene Zeit. An den Wänden zwei Fotos, die Rio Reiser zeigen, ein alter, mittlerweile restaurierter Bechsteinflügel, an dem er seine Lieder komponierte. Aluminium-Stühle und -Tische, Bistroatmosphäre, ein freundlich renovierter Raum. Eine hölzerne Treppe schwingt sich in das Obergeschoss. Dort wird seit kurzem eine kleine Ausstellung über die Entstehungsgeschichte von "Ton Steine Scherben" und die frühen Jahre der Band gezeigt. Agitation an Werkstoren, Konzerte für Lehrlinge, Demonstrationen am Georg-von-Rauch-Haus, Flugblätter, Songtexte, erste Schallplatten. Zeugnisse einer Rebellion, deren Hoffnungen früh starben. Dazu in einer Vitrine die Bibel, in der Rio Reiser las, und eine bunte Weste, die ihm seine Mutter stickte. "Wir haben ja die Verpflichtung, den Geist der Zeit zu erhalten", erzählt Gert Möbius, Jahrgang 1943.

Und das Erbe des Bruders, das Möbius pflegt. Dazu gehört neben dem Rio-Reiser-Archiv in Berlin auch der Hof in Fresenhagen, das Rio-Reiser-Haus. Ende der 90er-Jahre ist es ausgebaut worden, heute beherbergt der 500-Quadratmeter-Hof acht Gästezimmer und eine kleine Ferienwohnung mit insgesamt 20 Betten. Allein Strom und Heizung verschlingen monatlich gut 1500 Euro. Mit den Einnahmen aus dem Café und dem Verkauf von CDs und Büchern können die Personalkosten in Fresenhagen und die Kosten des Archivs gedeckt werden. "Natürlich ist das ein Non-Profit-Unternehmen", sagt Möbius. "Nach Rios Tod hätten wir den Hof verkaufen können, aber dann hätten wir Rio nach Berlin umbetten müssen. Das wollte ich nicht."

Einmal im Monat gibt es eine Lesung oder ein Konzert. Und zu Reisers Todestag am 20. August wird die Tradition der Umsonst-und-draußen-Festivals wieder belebt. Mit dabei: Xavier Naidoo, Söhne Mannheims, Fehlfarben, Bremer Shakespeare Company, Marianne Rosenberg, für die Rio Reiser viele Texte schrieb. Tausende werden kommen. "Mein Name ist Mensch" ist das Motto.

Im Café brennen die Kerzen in hohen Eisenhaltern. Der Name Junimond ist der Titel eines Liebeslieds auf Reisers erstem Soloalbum. Gert Möbius nippt an seinem Rotwein. Ein eher verhaltener Typ, der so gar nicht dem rebellischen Gestus jener wilden Jahre zu entsprechen scheint. Lange hat er Drehbücher für die TV-Serie "Polizeiruf 110" geschrieben. Seit dem Tod des Brudes verwaltet er vor allem dessen Nachlass. "Ich muss bald wieder zum Schreiben kommen. Es ist ja wichtig, Fresenhagen und das alles zu machen. Aber es ist auch ein wenig frustrierend, weil die Kreativität auf der Strecke bleibt." Vor den Fenstern zieht die Dunkelheit herauf. Die Zeit ist auf unserer Seite. Unser Schiff heißt Hoffnung singt der Bruder 1975 in "Komm an Bord".

Bis 1985 leben Rio und die Band überwiegend in Fresenhagen, weit ab von der Berliner Politszene. 1981 erscheint das Album "Ton Steine Scherben IV", dessen Texte weit mehr Poesie sind als Parole - Reiser und sein Gitarrist Lanrue produzieren die Songs auf Basis dessen, was sie aus Tarot-Karten herauslesen. Linke Buchhändlerkollektive boykottieren die Platte, sie lassen die Verkaufseinnahmen nicht der Band zukommen, sondern überweisen sie als Solidaritätsspende nach Nicaragua . . . Auch so wehte der Geist jener Zeit und ward zum Ungeist: als rigoroser Moralismus, als politischer Puritanismus sich libertär gerierender Politzirkel. Vier Jahre später das Ende: Die Band löst sich auf, einen Berg Schulden hinterlassend. Fresenhagen bleibt.

Dort komponiert Rio Reiser die Songs für sein erstes von insgesamt sechs Soloalben. 1986 erscheint "Rio I." und wird ein großer kommerzieller Erfolg, mit Stücken wie "Alles Lüge", der Liebesballade "Für immer und dich" und mit dem Hit "König von Deutschland". Ein Lied mit Folgen. Dem schmächtigen, androgyn wirkenden Sänger wird es in den nächsten Jahren zum schweren brokatbesetzten Mantel, der ihn zu erdrücken droht. Die Last des Ruhms. Die Erwartungshaltung, mit der einst politische Gesinnungsgenossen ihm und "Ton Steine Scherben" zusetzten, übernimmt nun die Plattenindustrie. 1995 kommt Rio Reisers letztes Solo-Album heraus, das Verhältnis zu seiner Plattenfirma ist da längst zerrüttet. "Himmel und Hölle" lautet der Titel der CD. Das mag kein Zufall sein.

Der Wunsch, einmal König zu sein, dauert an. Nicht nur die kronenbestückten Stelen an Rio Reisers Grab, das nur mit einer Sondergenehmigung des örtlichen Bürgermeisters im Garten von Fresenhagen gegraben werden durfte, zeugen davon. Es gibt auch skurrile Anfragen, mit denen sich Möbius auseinander setzen muss - denn "König von Deutschland" ist mittlerweile eine geschützte Warenmarke. Manchen Wünschen entspricht er. Abschlägig jedoch beschied er den Wunsch eines hessischen CDU-Politikers, der Reisers Song in "Wenn ich Oberbürgermeister von Kassel wäre" umdichten wollte . . . Berliner Anwälte schützen die Rechte am Songtitel. Anfang der 70er-Jahre hätte das niemand zu denken gewagt. Auch so entstehen Legenden.

Gert Möbius wird sich irgendwann hinsetzen und sein großes Vorhaben verwirklichen, einen Kinofilm zu realisieren über jene Jahre, in denen "Ton Steine Scherben" zu Helden wider Willen in einem sich schnell verändernden Land wurden. Anfragen von großen Produktionsfirmen gibt es bereits. Das Interesse an jener Zeit, die den Mythos "Ton Steine Scherben" begründete, scheint nicht zu versiegen. Tag für Tag besuchen Menschen das Grab des Sängers, der vermutlich an den Folgen von Hepatitis C starb. "Für seine Fans war Rio eine Art Beichtvater und Wunderheiler", sagt Möbius. Dabei war der Musiker ein zerbrechlicher Mensch, manchmal ein exzentrischer. "Sein liebster Platz war die Badewanne." Möbius lächelt.

Zauberland ist abgebrannt und brennt noch irgendwo singt Rio Reiser 1990. Fresenhagen wird es weiter geben. Ein Ort, dem eine Kraft innezuwohnen scheint, eine, die sich aus dem Vergangenen speist und nach vorn schaut.

Kein Platz für Nostalgiker.

erschienen am 6. August 2004 in Kultur / Medien