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Artikel aus „Scheinschlag„ von Thomas Hoffmann

Abzocke mit der Abzocke?
Der Streit um die im Heyne-Verlag erschienene Biographie Rio Reisers
Man hat es gewiß noch im Ohr und vor Augen: Nachdem vor einigen Jahren mehrere Fälle von Kindesmißbrauch kurz hintereinander bekannt geworden waren, gesellten sich plötzlich zu den Mißbrauchsfällen auch noch Fälle von Mißbrauch des Mißbrauchs. Jetzt haben wir es womöglich mit einen der ersten Fälle von Abzocke mit der Abzocke zu tun. Ebenso, wie beim Mißbrauch des Mißbrauchs stützt man sich dabei auf Bilder, die durch die Medien bereits etabliert sind und schon fast zum vermeintlichen Allgemeinwissen gehören. Anstatt Bilder schmieriger Väter, sabbernder Onkels und lethargischer Mütter, auf die man, ohne viel erklären zu müssen, zurückgreifen konnte, sind es nun jedoch die Bilder geldgieriger Erben und gerissener Medienanwälte, die aus der Trickkiste des sogenannten Common-sense hervorgezaubert werden.
Ein ganz besonders fingerfertiges Zauberkunststückchen dieser Art hat jüngst der Heyne-Verlag dargeboten. Und fast alle waren geblendet vom Glanz der drohenden Gefahr, die man bei Heyne heraufbeschwor. Am 13. März – pünktlich zur Leipziger Buchmesse – machte sich der Verlag, der zu Random House Bertelsmann gehört, mittels einer Presseerklärung zum Opfer von Versuchen „mit zensurähnlichen Praktiken eine Publikation zu verhindern“ und kündigte heroisch an, daß man sich dagegen wehren werde. Besagte Publikation ist die Rio-Reiser-Biographie Das alles und noch viel mehr, die der Hamburger Journalist Hollow Skai verfaßt hat. Und die besagten „zensurähnlichen Praktiken“ beziehen sich auf eine öffentliche Erklärung der Erben und Freunde von Rio Reiser, der mit bürgerlichem Namen Ralph Möbius hieß. Reisers Brüder Gert und Peter Möbius, seine Mutter Erika Möbius und seine Weggefährten Rainer Börner, Hannes Eyber, Lutz Kerschowski, R.P.S. Lanrue und Misha Schöneberg erklären, daß das Buch zahlreiche Ungenauigkeiten und Unwahrheiten enthalte, daß das Leben Rio Reisers insgesamt verzerrt dargestellt werde, daß die Unterzeichner in der Biographie mißverständlich, verkürzt und verfälschend zitiert werden und daß sie daher in der publizierten Fassung weder erwähnt noch zitiert werden möchten.
Nun ja, eine solche Erklärung mit „zensurähnlichen Praktiken“ in Verbindung zu bringen, scheint natürlich ein wenig gewagt, sofern man nicht nur Verlagen, sondern auch Privatpersonen das Recht zugesteht, öffentliche Erklärungen abzugeben. Für ein ausgewachsenes Zauberkunstückchen, das die Meinungsfreiheit in höchster Gefahr darzustellen trachtet, reicht das nicht aus. Da müßte man eigentlich schon ein bißchen mehr bieten. Eine hinterhältige Einstweilige Verfügung der Erben wäre nicht schlecht. Aber leider gab und gibt es die nicht. Was also tun, damit das Zauberkunstückchen doch noch gelingt? Wie kann man den Verlag und Hollow Skai erfolgreich als Vorkämpfer der Meinungsfreiheit inszenieren, wenn die freie Meinungsäußerung gar keiner Bedrohung ausgesetzt ist und die Erben auch gar keine rechtlichen Schritte angekündigt, geschweige denn vollzogen haben? Schwierig, schwierig! Eine echte Herausforderung für die Abteilung Öffentlichkeitsarbeit.
Bei Heyne behalf man sich damit, in besagter Pressemitteilung die Erben zunächst einer monatelangen Verzögerung ihrer Einwände zu zeihen. Sodann äußerte man den Verdacht, die behauptete Verzögerung beruhe auf den finsteren Absichten, die – wie wir alle aus Presse, Funk und Fernsehen wissen – habgierige Erben nun einmal verfolgen. Man teilte der Öffentlichkeit also mit: „Durch die vermutlich rein juristisch motivierte Verhinderungsstrategie drängt sich nun der Verdacht auf, daß nicht der Schutz von Persönlichkeitsrechten im Vordergrund steht, sondern auch ganz andere Ziele verfolgt werden: In den letzten Jahren hat sich ein prosperierender Geschäftszweig entwickelt, dessen Modell in etwa so funktioniert: Über das Eilverfahren werden Einstweilige Verfügungen gegen Bücher erwirkt, die gerade auf den Markt gekommen sind. Im nächsten Schritt werden Buchhändler, die den Titel führen, per kostenpflichtiger Abmahnung und Unterlassungsaufforderung von geschäftstüchtigen Anwälten zur Kasse gebeten. Der Buchhandel wendet sich selbstverständlich und nachvollziehbar an den Verlag und verlangt Regreß.“
Geschickt, geschickt. Nicht einmal ansatzweise wird hier auf die inhaltliche Kritik eingegangen, die die Erben und Freunde Reisers an Hollow Skais Buch üben. Kein Wort über die 18 (!) Seiten lange Mängelliste, in der sie minutiös darlegen, daß Hollow Skai die Begebenheiten aus Reisers Leben so schlecht recherchierte, daß dabei zum Teil lediglich Halbwahrheiten, aber auch reine Erfindungen herausgekommen sind. Kein Wort darüber, daß die Gespräche, die Hollow Skai mit ihnen führte, zumeist zwischen Tür und Angel stattfanden und aus Sicht der Erben und Freunde kaum als seriöse Interviews angesehen werden können. Auch kein Wort darüber, daß die Biographie zu einem Großteil lediglich die Fakten wiederholt, die aus bereits erschienenen Texten über Reiser bekannt sind. Und gewiß kein Wort darüber, daß diese Fakten in Hollow Skais Buch notfalls auch schon mal so zurechtgebogen werden, daß sie in das dramatische Gesamtkonzept passen, welches auf das abgedroschene Rock‘n Roll-Klischee hinausläuft: „Genialer Musikant scheitert tragisch am Leben und pumpt sich allmählich so mit Alkohol und Drogen voll, daß er am Ende nur noch ein Schatten seiner selbst ist.“ Das ist nicht nur öde und geht an der Persönlichkeit des jeweiligen Musikers vorbei, weil es schlicht die immergleiche Schablone ist, in die das Leben aller Rock- und Popstars, von Hendrix bis Cobain, nachträglich gepreßt wurde. Aus Sicht der Erben und Freunde ist es sachlich auch schlicht falsch, die letzten Lebensjahre Reisers als eine einzige groß angelegte Geschichte der Degeneration erzählen zu wollen. Aber auch darüber verliert man bei Heyne selbstverständlich kein Wort.
Statt dessen wird in der Presseerklärung des Verlags das böse Bild vom geschäftstüchtigen Erben einer prominenten Person hervorgekramt, der aus bloßer Habgier ein stets der Aufklärung verpflichtetes Verlagshaus abzocken will. Und damit natürlich auch zu einer Gefahr für die Allgemeinheit wird – zumindest für die, die auch weiterhin kraftvoll zubeißende und wirklich kritische Biographien lesen möchten. Dies können wir jedenfalls den aufrüttelnden Worten Ulrich Genzlers, Programm-Geschäftsführer beim Heyne-Verlag, entnehmen: „Auf diese Weise entsteht nicht nur ein finanzielles Risiko, sondern ein vordergründig durch den Schutz von Persönlichkeitsrechten erwirkter, ernstzunehmender Eingriff in die Freiheit des gedruckten Wortes. Würde diese Methode weiter um sich greifen, wäre der Buchtyp der Biographie nur noch in der zahnlosen, unkritischen Variante denkbar, ein ganzes Genre stünde damit zur Disposition.“
Dramatisch, dramatisch! Wer will schon die Freiheit des gedruckten Wortes in Gefahr bringen? Aber der Heyne-Verlag kennt einen Ausweg: „Um unsere Handelspartner vor etwaigen Forderungen zu schützen, und weil wir von der sorgfältigen Recherche unseres Autors überzeugt sind, gehen wir in diesem Fall den ungewöhnlichen Weg, der Erstveröffentlichung als eBook.“ Jaaa, für nur 18,90 Euro kann sich das jeder runterladen. Super! Da hat man doch gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Erst aus dem Nichts einen tollen PR-Skandal um die von Abzocke bedrohte Meinungsfreiheit aus dem Boden gestampft und dann noch mal aufmerksamkeitsheischend nachgelegt mit diesem ungemein unkonventionellen Weg der Erstveröffentlichung. Und für alle, die es immer noch nicht begriffen haben, vergißt man natürlich nicht, am Ende der Pressemitteilung auch noch den Termin anzukündigen, an dem Hollow Skai auf der Leipziger Buchmesse lesen wird. Respekt, Respekt! Das müßte ja nun endgültig den Blick der Öffentlichkeit auf diese Reiser-Biographie lenken, von der Kenner sagen, daß sie ziemlich fade geschrieben ist.
Und tatsächlich: Es funktioniert! Der Blick der Öffentlichkeit richtete sich kurz, aber ganz im Sinne von Heyne auf Das alles und noch viel mehr. So spiegelte etwa das bekannte Hamburger Nachrichtenmagazin ganz uninvestigativ die Position des Verlags wieder, indem es von juristisch umtriebigen Erben und neuen Veröffentlichungsmethoden zu berichten wußte. Und Der Tagesspiegel konnte gar mit ausgiebigen Detailschilderungen über das mutmaßlich eigentümliche Verhalten des von den Erben beauftragten Rechtsanwalts Christian Schertz aufwarten, um sodann Parallelen zu den verhinderten Biographien über Hildegard Knef und Herbert Grönemeyer anzudeuten. Fragt man Gert Möbius indes, welche der Zeitungen und Zeitschriften, die über den Streit berichteten, versucht hätten, auch seine Position und die der anderen Erben und Freunde in Erfahrung zu bringen, so bekommt man die etwas resignierte Antwort, daß lediglich die Hannoversche Allgemeine Zeitung nach einer Stellungnahme gefragt hätte.
Die Rechnung des Heyne-Verlags scheint also aufgegangen zu sein. Und ganz gleich, was Möbius und seine Mitstreiter als nächstes unternehmen werden, gleich, ob sie eine Presseerklärung nach der anderen herausgeben oder nicht, gleich, ob sie den rechtlichen Weg gehen wollen oder nicht: Das Bild der geldgierigen Erben ist in der Welt. Und jede Aktion, zu der sie sich durchringen werden, wird wider Willen eine Form der indirekten Werbung für ein Buch sein, das sie ablehnen. Das ist das grundsätzliche Dilemma unserer Mediengesellschaft, aus dem man kaum mehr herauskommt. (Und aus dem auch dieser Artikel nicht herausführen wird.)
Thomas Hoffmann