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Rezension aus „Junge Welt“ vom 16.03.2006
zu dem Buch „Das alles und noch viel mehr“ von Hollow Skai

Hollow Skai
Das alles und noch viel mehr - Rio Reiser
Die inoffizielle Biografie des Königs von Deutschland

© 2006, Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 3-89480-960-4

Schon im persönlichen Prolog wird auf sehr berührende Weise deutlich, wie lebendig Erinnerungen sein können. Skai hat Reiser 25 Jahre seines Weges begleitet, hat die vielen Lieder voller Kraft, Schönheit und Wahrhaftigkeit verinnerlicht, aber immer auch das gesellschaftliche Umfeld beobachtet, ohne sich von einem Geniekult blenden zu lassen. So trägt dann auch seine Biographie, die alles und noch viel mehr verspricht, die Widmung „Für R.P.S. Lanrue und die Scherben-Family“. Er denkt an die, an die auch Rio denken würde..

Auf 287 Seiten - mit rund 40 gut gewählten Schwarz-Weiß-Fotos - stellt Hollow Skai gekonnt Widersprüche, Fragen & Zeitgeschichte in den Fokus seines Interesses. In 39 Kapiteln, die jeweils nach einem Songtitel benannt sind, geht es noch einmal zurück in Rio Reisers Kindheit und Jugend, als er noch Ralph Möbius hieß. Man begreift den Aufstieg und Fall eines begnadeten Künstlers und sensiblen Menschen.

Die inoffizielle Biografie beginnt zunächst dort, wo die offizielle Autobiografie von Rio Reiser einst endete – mit der Auflösung von Ton Steine Scherben, jener politisch motivierten Rockband, die von 1970 bis 1985 mit engagierten, lyrischen und skurrilen Songs in deutscher Sprache Musikgeschichte schrieb. Diese Band hat nicht nur eine Generation geprägt, nicht nur ein Haus besetzt und auch nicht nur ein Lebensgefühl erzeugt, sondern war sympathisierender Teil der Bewegung 2. Juni sowie der Protest-, Schwulen- und Friedensbewegung.

Im Mai 1985 löste sich das hochverschuldete Kollektiv auf. Der finanziell nötige Wechsel zur Industrie scheiterte, weil man mit dem heiligen Bandnamen, der für unanhängige Musik und Authentizität stand, keinen Pakt mit dem Teufel schließen wollte. Sie haben sich bis zum Schluss nicht funktionalisieren lassen. Sie, das waren ja nicht nur Rio Reiser und R.P.S. Lanrue, sondern auch Bassist Kai Sichtermann, Schlagzeuger Funky K. Götzner und Keyboarder Martin Paul – die Stammbesetzung der letzten Jahre. Sie alle werden von Hollow Skai einzeln & liebevoll beschrieben, mehr ins Licht gerückt als üblich.

Auch wenn es danach in Reisers Familie geht, bleibt es bei einer menschlich subtilen Charakterisierung der Personen, ob nun der preußische, handwerklich begabte Vater, die ehrgeizige, musisch gebildete Mutter oder die beiden älteren Brüder mit Beschützerrolle und Vorbildfunktion vorgestellt werden.

Weitere Kapitel beinhalten teils wunderbar detailliert Rio Reisers frühe künstlerische Reifung bis zur Gründung der Band Ton Steine Scherben 1970, die mit ihrer ersten Single „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ Politik, Parolen und Pop vereinten, was ihnen lange anhaftend den Ruf als „Anarcho-Kapelle“ und „Kultband“ einbrachte. Kompetent und einfühlsam schildert Skai die Inspiration, Entstehung und Bewertung der einzelnen Songs aller Scherben-Alben und die begleitenden Lebensumstände, die Bedeutung der Neben-Projekte und der Mitmenschen.

So richtig spannend wird die Biografie, wenn es um die Solo-Jahre von Rio Reiser geht, die bisher noch nie in kompakter Form beleuchtet wurden. Zu Unrecht als Verräter, Kunsthure, Schlagerfuzzy verhöhnt, brachte Rio bei CBS, später Sony, sechs Alben heraus und gewann neue Fans. „Sein erstes Solo-Album war ein Kompromiss an den Sound der Zeit“ - kommerziell, aber nicht harmlos. Rio wollte den Erfolg, in die 1. Liga, ins Radio, in die Bravo. Doch er kam mit der erwarteten Medienpräsenz nicht zurecht, wähnte sich ständig fehl am Platze und empfand Playback-Auftritte als Zumutung. So wurde er mit der Zeit grübelnd, jähzornig, hadernd, launisch. Leiden und Streiten waren seine Antriebe für Kreativität. Er zog sich immer mehr zurück und fühlte sich erst in der untergehenden DDR richtig wahrgenommen und geliebt. Doch Freund Chaos blieb ihm treu: Bei Sony fühlte sich keiner richtig zuständig, die Band wurde ständig neu (aber nicht unbedingt besser) zusammengestellt und mit seinem PDS-Eintritt „wollte er seinen Westkollegen ein Zeichen setzen“, das keiner verstand.

Zeichen setzte leider auch Rios Körper, der dem jahrelangen Drogenkonsum Konsequenzen folgen ließ. Die letzte, extrem mies organisierte Tournee musste er im Mai 1996 abbrechen, doch Rio fehlte nicht nur Kraft, sondern vor allem Halt & Vertrauen, und am Ende das warme, helle Licht des Lebens. Innere Blutungen, Kreislaufversagen, Herzstillstand. Am 20. August 1996 verstarb mit nur 46 Jahren ein Held, der viel gegeben hat. Oder eine tragische Figur?

Letzteres behauptet der Autor der Biografie und hat dies nicht nur auf den vielen Seiten davor begründet, sondern erklärt es auch mit kritischem Unterton über die Geschehnisse nach Rios Tod: Beerdigung, Abschiedskonzert der Freunde, Vereinsgründung, Archivarbeit, Reunion der Scherben-Familie. Ein Personenkult, wie Rio ihn sich zu Lebzeiten manchmal gewünscht hätte, ihn aber auch hätte abwehren können. Nun aber berufen sich mehr oder minder prominente Menschen auf ihn, andere projizieren ihre Sehnsüchte auf ihn oder picken für sich heraus, wie sie ihren Rio gerne posthum sehen. Gleichermaßen gibt es aber auch eine Vielzahl von Hommagen (CDs, Liederabende, Theaterstücke, Filme) und Rios Parolen wie Lebensweisheiten sind “im Alltagsbewusstsein verankert”. Am Ende bleiben Glaube, Liebe, Hoffnung – und der Wunsch nach Reinkarnation.

Skai schreibt aus einer journalistischen Perspektive mit investigativem Anspruch. Sein Blick ist nicht verklärt durch Heldenanbetung oder Rachegelüste, sondern geschärft durch zahlreiche Gespräche mit Zeitzeugen und die saubere Rechercheauswertung. Das führt dann leider immer mal wieder zu Zeitsprüngen mitten im Satz, Namedroppings und Presseschau-Charakter. Gibt es unterschiedliche Ansichten zu einem Thema, so stellt er das Dementi unkommentiert der Behauptung gegenüber.

Dieses Buch gibt endlich Antworten auf Fragen, die in Rio Reisers Autobiographie „König von Deutschland“ und in Kai Sichtermanns Scherben-Biographie „Keine Macht für Niemand“ offen geblieben waren. Es ist das Buch, das geschrieben werden musste.

Regina Sommerfeld

für: „Junge Welt“ - 16.03.2006