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NACHRUF

auf

ERIKA MÖBIUS

4.11.1915 -22.3. 2007




Nicht erst im Alter, sondern gelegentlich auch schon sehr viel früher, fragte Erika Möbius, wenn sie im Kreis der Familie die Stationen ihres Lebens Revue passieren ließ, womit sie soviel Glück verdient habe. Und je älter und betagter sie wurde, desto mehr wuchs ihre Verwunderung um nicht zu sagen Beschämung, vom Leben so reich beschenkt zu werden.

"Womit habe ich das verdient?" Diese Frage beschäftigte

sie bis zuletzt.

Erika beschenkte großzügig und gern, aber sie ertrug es nur schwer beschenkt zu werden. Schon Monate vor den Geburtstagen ihrer Kinder, Schwiegertöchter und Enkelkinder machte sie sich Gedanken darüber, was sie schenken könne und ob sich die Beschenkten wirklich darüber freuen würden. Hingegen - schon im September, zwei Monate vor ihrem eigenen Geburtstag - geriet sie in Panik von anderen beschenkt zu werden. Jedes Jahr auf Neue gab sie die Parole aus: "Ich habe eine Bitte: schenkt mir nichts".

Gefreut hat sie sich dann jedesmal trotzdem. Denn wenn etwas gewiß ist, trotz aller Skrupel und Zweifel, die sie manchmal plagten, ob sie den selbst gestellten Ansprüchen genüge, Erikas von Herzen empfundene Freude, überspannt wie ein strahlender Komet ihren, nun endgültig, zurückgelegten Lebensweg und diese heitere Lebensfreude leuchtet weiter wie bei klarem Himmel der Morgenstern.

Erika Möbius wurde am 4. November 1915 im ersten Weltkrieg geboren und als sie fünfundzwanzig Jahre später Herbert Möbius heiratete, ihre Söhne Peter und Gert zur Welt brachte, war wieder Krieg, fürchertlicher und totaler als alle Kriege, die es zuvor in der Weltgeschichte gegeben hat. Und 1950 als Erikas dritter Sohn, Ralph Christian in der zerbombten Viermächtestadt Berlin das Licht der Welt erblickte gab es noch immer keinen Frieden. Hautnah im alltäglichen Leben erfuhren die „Insulaner“, dass der Krieg noch nicht zu Ende, sondern nur ein Waffenstillstand war.

Wer, wie Erika, in diesem schrecklichen Zwanzigsten Jahrhundert geboren wurde und es mit seinen bis heute unvollstellbaren, unerträglichen Herausforderungen überlebt hat, fand immer seltener Halt und Trost in der Religion und auch die Zuflucht in ideologische und philosphische Denkgebäude, ob Humanismus, Marxismus, Zionismus, Sozialismus hielt dieser Hasspest, mit der das Zwanzigste Jahrhundert verseucht ist, nicht stand. Ob Gottvertrauen, katholisch, mosaisch oder protestantisch, ob die Hoffnung auf das Paradies auf Erden nach dem Sieg des Kommunismus, welchen Kirchenfürsten, welchen Geistesschaffenden, Arbeiter- und Wirtschaftsführern, ja auch welchen Künstlern, die nicht verbannt, verfemt, ermordet worden waren konnte man noch trauen? Hatten sie nicht alle dabei mitgewirkt Glocken in Kanonen umzugießen, den Einsatz für den Nächsten, die Liebe zum Menschen, zur Schöpfung, die Schönheit, die Menschenwürde in den Dienst dreier verheerender Kriege zu stellen, den ersten, den zweiten und nicht zu vergessen den kalten Krieg.

Und: konnte man sich danach, als Überlebender noch selber trauen?

„Womit habe ich das verdient?" Diese Frage bewegte Millionen von Menschen, die das Zwanzigste Jahrhundert ins Elend stürzte, die im "Feld", im Bombenhagel, in den Gaskammern, auf dem Schafott oder am Galgen zugrunde gingen. Stellten sie sich nicht alle in der Stunde ihrer höchsten Not, ob Juden oder Christen, die Frage, klagend, anklagend, wie Hiob im alten Testament "Warum Gott, Jehova, hast Du mir das angetan?“

Erika Möbius mußte nicht klagen wie Hiob, sie sah sich - unverdient - wie sie fand, von wunderbaren Mächten geleitet und umgeben, und sie wußte bis zuletzt nicht, wie, warum, ausgerechnet ihr das geschah. Und je älter sie wurde, desto leidenschaftlicher suchte sie nicht nur im familiären Kreis das Gespräch, die Diskussion, die Auseinandersetzung.

Sie engagierte sich in der Gewerkschaft, war Betriebsrätin und Schöffin und diskutierte im Rentenalter zusammen mit „jungen Leuten“ in der GAL, im Rio Reiser Haus Verein, über den Sinn des Lebens, oder über die lokale und internationale Tagespolitik. Als echte Berlinerin räsonierte Erika gern. „ Ist das nicht fürchterlich?“ Jeder der sie kannte, erinnert sich an diesen Ausruf, nicht zuletzt deshalb, weil er im krassem Gegensatz zu einer Person stand, der jede Verbitterung, jeder Überdruß am Leben fehlte.

Erika wärmte, strahlte, machte Lust das Leben zu leben und sich nicht aufzugeben. Sie tat es bis ihre Kräfte schwanden und sie in der Nacht vom 21. zum 22. März entschlief.



Unna im März

Peter Möbius