Rio Reiser offizielle Homepage des Rio Reiser Haus e.V. Fresenhagen
Rio Reiser
homemusikphotospresseinfopressespiegelbiographieverein
zeitreiselinksbestellungimpressumkontakt
Startseitewww.rioreiser.de - Musik


TON STEINE SCHERBEN - 18 Songs aus 15 Jahren
In ein paar Monaten wird es glatte 35 Jahre her sein, dass sich TON STEINE SCHERBEN gegründet haben. Deshalb haben wir uns entschlossen, mit ihnen gemeinsam eine Auswahl ihrer Songs neu heraus zu geben. Aber irgendetwas hat sich gesträubt, diese Song-Sammlung als „Best of“ zu bezeichnen. Sicher auch deswegen, weil sich die SCHERBEN immer noch in fast jeder Hinsicht allen gängigen Klischees entziehen. Sie hatten nie einen „normalen Hit“, einen Song, der vordere Plätze in irgendwelchen Wertungssendungen belegte, was auch daher kommt, dass ihre Songs von den hiesigen Radiostationen weit gehend boykottiert wurden. Trotzdem kennt man sie, und es wachsen seit Jahren immer wieder neue Generationen von Fans heran, obwohl sich die Band bereits vor 20 Jahren aufgelöst hat. Warum? Vielleicht, weil sie in vielem so extrem waren. Ihre kompromisslose Haltung wird zwar oft nur auf ein paar ihrer frühen Texte bezogen, aber sie waren es in jeder Hinsicht und in ihrer ganzen Herangehensweise - künstlerisch, organisatorisch, musikalisch, textlich, politisch, menschlich. Sie hatten nicht nur den Mumm, alles in Frage zu stellen, sondern betraten mit vielem was sie taten Neuland.
TON STEINE SCHERBEN war die erste Band hierzulande, die von Anfang an und ganz selbstverständlich in deutsch sangen, als alle anderen noch dachten es ginge nur in englisch, weil alles deutsch gesungene automatisch zum Schlager mutieren würde. Auch Udo Lindenberg, der sich diese Leistung gerne ans Revers heften lässt, sprang erst später auf den Zug auf. Allerdings lag sein Reiseziel auch in einer völlig anderen Richtung, in der
Nähe des Bahnhofs „Big Business“.
Die SCHERBEN dagegen waren im Herzen Rebellen und misstrauten jeder Autorität und jeder Institution, nicht nur des Staates sondern auch der Industrie. Deshalb führte ihr Weg querfeldein zur Gründung eines eigenen Plattenlabels, des ersten dieser Art in Deutschland. Ihre „David Volksmund Produktion“ wurde zum Vorbild für viele nachfolgende Indie-Labels und stärkte den Gedanken einer Gegenkultur enorm. Außerdem konnte die Band so gleich ihre erste Single, aber auch alle nachfolgenden Alben unabhängig von der Plattenindustrie aufnehmen und vertreiben. Für die Musiker hatte das, neben viel zusätzlicher Arbeit, allerdings auch den Nachteil, dass sie nie eine goldene Schallplatte bekamen (obwohl sich ihre Alben nun schon seit über drei Jahrzehnten ungebrochen verkaufen) denn sie hätten sie sich selbst überreichen müssen.
Die Band lebte und arbeitete gemeinsam in einer Wohnung. Sie trafen sich nicht nur ab und zu im Probenraum und machten zusammen Musik, sondern sie hefteten ihre von Rios Bruder Gert entworfenen Plattencover zusammen, gaben eine eigene Zeitschrift heraus („Guten Morgen“) und teilten sich die mageren Vorräte im Kühlschrank. Ihre Wohnung war ständiger Anlaufpunkt für Familienmitglieder, Freunde und Kollegen, für Theater- und Filmleute, für Polit-Clowns und -avantgardisten, vor allem aber auch für Jugendliche aus der Gegend, für liebenswerte oder chaotische Lebenskünstler, Ausreißer, Rummel-Rocker, Loser und Outlaws.
Zu letzteren fühlten sich die SCHERBEN eher hingezogen als zu den studentischen Debattier-Zirkeln (O-Ton Rio: „Die Linken hier die stinken mir.“). Dementsprechend waren sie 1971 auch wieder die ersten, die nach einem Konzert zu einer Hausbesetzung aufriefen um eben diesen Jugendlichen zu einem eigenen Dach überm Kopf zu verhelfen. Und auch dieses Beispiel machte wieder Schule - in den folgenden Jahren wurden in ganz
Deutschland hunderte von Häusern besetzt und man kann sagen, in irgendeiner Form waren TON STEINE SCHERBEN immer dabei. Dadurch werden sie bis heute ebenso sehr mit der Hausbesetzer-Szene identifiziert („Das ist unser Haus...“) wie überhaupt mit der Jugendbewegung, die Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre gegen die Generation ihrer Eltern und deren Idee vom Staat rebellierte („Macht kaputt, was euch kaputt macht“).
Die SCHERBEN waren nicht nur auf ihrer Seite, sondern setzten sich dermaßen intensiv für diese Ideen ein, dass sie bis heute als musikalische Stimme dieser wilden Jahre gelten. Weil sie einige der zeitlosen Hymnen dieser Zeit geschrieben haben kann bis heute kein Fernseh-Redakteur und kein Film-Regisseur dem Reflex widerstehen, eine Dokumentation über diese Zeit mit einem Song von den SCHERBEN zu untermalen. Dadurch werden sie in der Öffentlichkeit 1:1 mit dieser Bewegung gleichgesetzt, was aber natürlich nicht die ganze Wahrheit ist. Wer es genauer wissen will kann in der Autobiografie von Rio Reiser nachlesen.
Denn während sich die Bewegung in immer neue Gruppen zerstritt war die Band schon wieder auf einem ganz anderen Trip. Mit ihrer dritten LP verließen sie das Terrain des vordergründig tagespolitischen und begaben sich (nicht weniger engagiert) auf die Suche nach neuen Ufern. So besteht z.B. die letzte Seite dieser Doppel-LP komplett aus dem 20-minütigen Titel „Steig ein“, der eher nach einem experimentellen Musik-Hörspiel, als nach einem Gassenhauer für die nächste Demo klingt. Als sie dann aber auch bei ihren Konzerten zunehmend das Gefühl hatten, als eine Art billige Musicbox ausgenutzt zu werden, zogen sie, auch hierin wieder echt scherbenmäßig konsequent und filmreif, mitten in einem Song den Stecker und verschwanden von der Bühne. Die Entscheidung, auch Berlin und die damit verbundene Szene zu verlassen, war gefallen.
Im Sommer 1975 bezogen die SCHERBEN ein altes Bauernhaus im nordfriesischen Fresenhagen. Dort oben, weit ab vom Schuss und von Dogmen befreit, schrieben sie in den folgenden fünf Jahren sehr viele Songs und Instrumentalstücke für Kino-, Fernsehfilme und Rundfunksendungen, vor allem aber auch wieder, wie vor der SCHERBEN-Zeit, für Theaterstücke. Darunter ein paar ihrer besten Arbeiten, die zum Teil bis heute unveröffentlicht und daher weit gehend unbekannt sind.
Als sie sich dann 1980 entschlossen, wieder eine offizielle TON STEINE SCHERBEN LP in Angriff zu nehmen („IV“), konnten die dabei gemachten Erfahrungen nicht ohne Einfluss bleiben. Unbeirrt von der besonderen Erwartungshaltung ihrer alten Fans gingen sie unabhängig wie immer und „steinbockregiert“ (O-Ton Rio Reiser) ihren Weg, dieses Mal aber künstlerisch besonders konsequent. Die selbst gestellte Aufgabe als Band lautete
dabei, jeden Musiker auch als Komponisten und Texter zu fordern. Diese emanzipatorische Aktion war gut für die Gruppe und gut für diese Doppel-LP. Denn dadurch zeigt sich hier das ganze SCHERBEN Potential in seiner vielfältigen, phantasievollen Größe. Wohl kaum eine deutsche Rockgruppe hat jemals soviel gewagt, experimentiert und trotzdem so oft die berühmte Zwölf getroffen.
Das letzte Album von Ton Steine Scherben, genannt „Scherben“, geriet nun schon ganz in den Sog der Neuen Deutschen Welle. Und obschon sie diese Welle selbst mit ausgelöst hatten waren sie sich plötzlich nicht mehr sicher, ob sie auf dieser Welle überhaupt surfen können, sollen oder dürfen wollen. In dieser Schizophrenie hatte sich die Band schon immer am wohlsten und am unwohlsten gefühlt, wenn man das mal so kritisch anmerken
darf. Einerseits wollten sie die Massen erreichen und liebten ihr Publikum, andererseits machte es ihnen Angst, eventuell ihrem Anspruch nicht mehr gerecht zu werden oder die persönlichen oder politischen Probleme ihrer Fans nicht mehr wie ein Hausarzt auffangen zu können. Ton Steine Scherben wollten sich ihren Zeitgeist immer selbst erfinden und wenn sie ihn dann gefunden hatten, steckten sie ihn in ihre Scherbengeistflasche und
versuchten mit aller Kraft zu verhindern, dass diese von kommerzverschmutzten Händen geöffnet wird. Nun ist ein sehr kritischer und kompromissloser Umgang mit Majorfirmen und dem Metier Popmusik nicht unbedingt dazu angetan, reich zu werden. Berühmt und berüchtigt sind Ton Steine Scherben trotzdem bis heute, die erste echte Kultband Deutschlands. Denn ihre vermeintliche Schwäche ist ihre Stärke, die Konsequenz dieser Band macht einen gut Teil ihres Mythos aus. Und was noch viel erstaunlicher ist - sie sind nach wie vor eine Newcomerband. Aber eine mit Bestand, weil es sie nicht mehr gibt und trotzdem noch immer gibt. Sie sind heute ebenso aktuell wie damals und werden von jeder nachwachsenden Generation wieder neu entdeckt.
Dafür bietet die vorliegende CD zwei Besonderheiten. Zum einen wurden erstmalig wieder alle Ur-Bänder der damaligen Aufnahmen zusammengetragen und ebenso mühselig wie liebevoll professionell restauriert und digitalisiert (speziellen Dank an Ecki Strauhs). Danach wurden alle Alben komplett re-mastered, also tontechnisch den heutigen Möglichkeiten angepasst. Hierzu konnten wir mit Udo Arndt einen der besten Tontechniker dieser Republik gewinnen, der ja auch viele Jahre direkt mit Rio Reiser zusammen gearbeitet hat. Zum anderen wurden einige Songs von Udo Arndt neu abgemischt. Das betrifft die Songs des so genannten „Schwarzen“ Albums („IV“ - soweit deren Ur-Bänder auffindbar waren), bei deren Produktion die SCHERBEN damals technisch stark limitiert waren. Und obwohl (oder vielleicht auch weil?) sie bei der Arbeit an der nachfolgenden LP „Scherben“ wesentlich bessere technische Bedingungen hatten, waren sie mit der damaligen Abmischung der Songs nie so recht zufrieden. Darum wurden jetzt auch diese Songs von Udo Arndt neu abgemischt. Jeder der die alten Scherbenplatten bzw. CDs kennt, wird sofort merken, dass hier noch etwas anderes zu hören ist. Udo Arndt hat es geschafft, den Sound der Band mit den heutigen tontechnischen Möglichkeiten in Einklang zu bringen. Und das ist nun wirklich ein guter Grund, wieder ganz genau hinzuhören und die SCHERBEN über ihre Musik neu zu entdecken.
Bei einer Band wie TON STEINE SCHERBEN ist es unmöglich, eine Songauswahl zu treffen, die es allen recht macht. Wem hier also der eine oder andere Song fehlt (so wie uns selbst auch, aber einige sind schlicht zu lang), der sei auf die bevorstehende komplette, tontechnisch überarbeitete Neu-Edition sämtlicher Alben der Band,
inklusive Bonustracks, ausführlicher Linernotes und zusätzlicher Fotos vertröstet.

Berlin, im November 2004