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LUTZ KESCHOWSKI
IM INTEVIEW

Frage Christian Reder:

Am 20. August 1996 starb Rio völlig überraschend. Für 1996 waren diverse Vorhaben geplant, die dann alle nicht stattfinden konnten. War Rio krank oder kam das tatsächlich überraschend? Wusstet Ihr Kollegen was davon?

LUTZ:
Ich war ja viel mit Rio zusammen und wenn wir nicht zusammen waren, haben wir drei Mal die Woche telefoniert. Ich wusste also schon, wie's ihm geht. Schlecht gegangen war es ihm am Ende der Tour im Mai. Das lag aber daran, dass die Tour als kleine Club-Tour geplant war, dann aber zu einer mit teilweise weit auseinander liegenden Konzerten in großen Hallen geändert wurde. Das hat Rio ziemlich geärgert, gestresst und auch körperlich in Anspruch genommen. Ich hab darüber mal was geschrieben, auf Wunsch der Chefin vom "Malzhaus" in Plauen, weil das Konzert dort im Nachhinein zu Rios Letztem auf dieser Welt geworden ist. Allerdings war er danach in Italien und kam gut erholt wieder. Der Anruf von seinem Bruder Gert hat mich dann doch kalt erwischt.

Woran genau starb Rio denn?
Die unvermeidliche Frage. Ich bin kein Arzt und kann das so genau nicht sagen. Bei Wikipedia gibt es eine Beschreibung mit einem komplizierten medizinischen Fachbegriff, die der Sache sicher ziemlich nahe kommen wird, wie das Meiste bei Wikipedia. Meine Meinung ist, dass er an "akutem Rio" gestorben ist. Jemand, der so intensiv lebt, hat seinen Zeitvorrat vielleicht schneller aufgebraucht als andere. Man sollte aber auch nicht vergessen, dass Fresenhagen weit ab auf dem Lande liegt und Rio wohl noch leben könnte, wenn der Arzt 10 Minuten früher da gewesen wäre.

Nach Rios Tod hast Du Dich um den Nachlass gekümmert. Was genau tust Du da?
Ich wusste am Anfang selbst nicht, was damit alles verbunden sein würde. Es ging ziemlich familiär los, weil auch die Scherben-Leute auftauchten und viele Freunde, die ihn lange nicht gesehen, während der Solozeit auch nicht oft besucht hatten. Alle wollten an der Nachlasspflege mitarbeiten und es wurde geplant. Ich sollte mich mit dem Scherben-Gitarristen und dem Keyboarder um die Musik kümmern, andere um die Videos, Briefe usw. Wie man das halt so macht, alle treffen sich, sind betroffen und planen. Dann kam aber schnell der Alltag zurück und mit ihm Problemchen und Probleme, zuerst wegen der Erbschaft. Da war ein Haus, da war eine Firma und nichts war geregelt... Das alles konnte man nicht von heute auf morgen klären, deshalb haben sich viele zurück gehalten. Als der Scherben-Gitarrist Lanrue kurzerhand nach Portugal zog, stand Fresenhagen plötzlich leer und ich erst mal alleine da. Dann verschwanden die ersten Sachen aus dem Haus und Rios Bruder Gert musste das Wichtigste nach Berlin holen, Räume anmieten und es ging nicht mehr nur um Musik sondern um vieles mehr. Da begann dann der Teil, der nicht mehr geplant war. Aber ich hatte zugesagt und die Probleme waren mir bis zu einem gewissen Grad egal, denn darum ging es nicht, sondern um Rio. Das sollte man nicht aus den Augen verlieren. Ich bin dann in verschiedene Archive gegangen, Marlene Dietrich-, Friedrich Hollaender-, und habe genau dieselbe Frage gestellt: "Was macht Ihr hier eigentlich genau...?" In der Folgezeit wurde es ziemlich technisch und logistisch. Hauptsächlich hatten wir etwa 600 Tonbänder verschiedener Formate zu digitalisieren und zu archivieren, von MCs und Spulenbändern aus den 60er Jahren bis zu 32-Spur Digital aus den 90ern. Später kamen noch mal 400 dazu, nachdem ich Lanrue in Portugal besucht hatte. Auch andere Sachen wie Fotos, Schriftliches oder Videos wurden digitalisiert, damit man es in eine Datenbank einbinden und später wieder finden konnte. Für alles musste es eine Struktur geben und vor allem auch Backups, was damals noch nicht so leicht war, denn als wir anfingen hatten die Festplatten noch 4 GB. Ich habe dann ein paar Freunde dazu geholt, die uns geholfen haben. Zuerst jemanden, der sich mit Computertechnik und Musiksoftware auskannte, denn ich war auf dem Gebiet noch Anfänger. Später kamen dazu Bürohilfen und ab und zu Praktikanten der Archivfachschule Potsdam. Manche sind uns bis heute treu. Um das alles zu finanzieren fingen wir an, CDs zu produzieren, zuerst "Rio am Piano I und II", dann das Seelenbinder-Konzert usw., zu diesem Zweck hat Gert Möbius das Label "Möbius Rekords" gegründet, so konnten wir alles selbst entscheiden und mussten keine Kompromisse eingehen. Rainer Börner wurde Geschäftsführer und hat alles organisiert, später dann auch zusammen mit Lanrues Schwester Elfie (Elfie Steitz-Praeker, Frau des Spliff-Bassisten Manne Praeker, Anm. d. Verf.). Da ging es dann z.B. um das Gesamtwerk der Scherben in einer 13-CD-Box, die ich für das Scherben-Label "David Volksmund Produktion" produziert habe. Inzwischen gibt es eine ganze Reihe von Veröffentlichungen, immer liebevoll und aufwendig, wie diese Box oder das "Rio Reiser Liederbuch", das letzten Herbst erschienen ist. Über 450 Seiten stark und zwei Kilo schwer... Dass das alles so lange dauert und so aufwendig ist habe ich am Anfang natürlich nicht geahnt, vielleicht war's besser so (lacht).

Und das machst Du also auch heute noch?
Ja, ich hatte plötzlich vier oder fünf Jobs. Denn mein Geld verdient habe ich weiterhin hauptsächlich mit meiner eigenen Musik. Viel Filmmusik in den letzten Jahren, das geht alles Hand in Hand.

Du sprachst ja gerade schon die Filmmusik an. Wie bist Du denn dazu gekommen?
Durch Zufall, genauso wie zu Rio. Manchmal kreuzen sich zwei Wege zur richtigen Zeit. Ich hab aber die Erfahrung gemacht, dass man dem Zufall nachhelfen kann, indem man seine Hausaufgaben macht, sonst geht er nämlich einfach weiter. Ich hatte schon immer nebenbei Instrumentalmusik aufgenommen, aber das wusste kaum jemand. Wenn überhaupt kannte man von mir nur Songs. 1997 kam der Regisseur Manfred Stelzer zu mir und sagte: "Als letztes habe ich mit Haindling gearbeitet aber der hat keine Zeit..." Hans Jürgen Buchner hatte ich zum Rio-Abschiedskonzert ins Tempodrom eingeladen weil ich wusste, dass sich beide sehr mochten. Das aber nur am Rande... Haindling hatte also keine Zeit und darum fragte er mich, schon das fand ich sehr schmeichelhaft. Jeder Musiker würde sich über so ein Angebot freuen aber mir war schon klar, dass das eine Eintagsfliege sein würde. Also habe ich meine Gretsch-Gitarre genommen und den Vox AC30 Verstärker, den ich mir für die letzte Rio-Tour gekauft hatte, hab mir ein schönes Thema für dem Film ausgedacht, viel improvisiert und das Band laufen lassen. Ich stand damals gerade auf den "Dead Man"-Soundtrack von Neil Young und dachte mir, so was macht man in deutschen Filmen eigentlich nicht. Aber da ich nichts zu verlieren hatte - war ja sowieso nur eine einmalige Sache - ging ich nur nach meinem Gefühl. Als ich es dem Regisseur vorspielte und der Film zu Ende war, drehte er sich zu mir, lächelte und sagte: "Endlich mal einer, der was anderes macht!" Dann kam er für seinen nächsten Film wieder, das war der letzte Polizeiruf mit Kurt Böwe. Der Film spielte auf einer Nordsee-Hallig.
Dafür habe ich mein Harmonium geölt, damit es nicht quietscht, und darauf das Hauptthema gespielt. Manfred liebte die Musik und sagte: "Willkommen in der Familie." Seitdem kommt er immer wieder zu mir, wenn er Filmmusik braucht. Inzwischen hab ich alleine für ihn über 30 Filmmusiken aufgenommen. Das ist natürlich viel Stoff. Darum habe ich irgendwann Danny Dziuk dazu geholt, den ich bei einem Engerling-Konzert kennen gelernt hatte. Ich mochte ihn sofort, wir ergänzten uns gut und zu zweit macht es einfach mehr Spaß.

Damit sind wir auch fast schon am Ende. Kann man Dich demnächst wieder irgendwo als Musikanten auf einer Bühne sehen?
Das kann ich Dir wirklich nicht sagen. Wie Du sicher bemerkt hast, habe ich mich oft irgendwie treiben lassen und nie gezielt an einer Karriere gebastelt. Trotzdem gab es in all den Jahren immer wieder interessante Begegnungen und gute Musik. Sicher werde ich irgendwann auch wieder ein paar Songs aufnehmen. Ist lange überfällig, aber vielleicht kann man jetzt besser verstehen, warum dafür in den letzten Jahren keine Luft war (lacht). Im Moment sieht es sogar ernsthaft danach aus, aber über ungelegte Eier soll man nicht reden. Es bleibt nach wie vor spannend und ich habe keine Langeweile.

Dann danke ich Dir für die Zeit und Deine Antworten. Möchtest Du abschließend noch ein paar Worte an unsere Leser richten?
Bleibt neugierig, bleibt frech und denkt immer daran: Morgen kann alles ganz anders sein!



Interview: Christian Reder
Bearbeitung: kf, cr

Das ganze Interview mit Lutz Kerschowski ist im Internet unter deutsche-mugge.de zu finden. Spalte Stargast/Gast des Monats Februar.